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Kampf
um
die letzten Fische
Editorial
ila 355 Mai 2012
In unseren Meeren findet ein regelrechter Krieg gegen
die Fische statt. So nennt es zumindest der Meeresbiologe Daniel Pauly.
Unbestreitbar ist, dass viele Fischbestände und die Biodiversität der
Meere in Gefahr sind. Mehr als drei Viertel aller kommerziell genutzten
Bestände sind überfischt, in EU-Gewässern sind es knapp 80 Prozent. Die
politisch bewilligten Fangquoten überschreiten seit Jahren deutlich die
wissenschaftlichen Empfehlungen. Der Fisch, der auf unseren Tischen
landet, kommt von immer weiter entfernten Weltgegenden – so werden 60
Prozent des Fischs, der in der EU verbraucht und gegessen wird,
importiert. Der deutsche Durchschnittsverbrauch an Fisch liegt bei 15,5
Kilogramm pro Jahr. Die Top Drei sind dabei Alaska-Seelachs, Hering und
Lachs.
In so manchen lateinamerikanischen Ländern ist die Kleinfischerei für
viele Menschen, die in der Landwirtschaft oder in anderen Sektoren kein
Auskommen mehr finden können, die letzte Möglichkeit, für ihren
Lebensunterhalt zu sorgen. Über eine Milliarde Menschen sind weltweit
direkt auf die Weltmeere als Nahrungsquelle, die tierische Proteine
liefert, angewiesen. Von besonderer Bedeutung ist allerdings nur ein
Bruchteil der Fläche der Weltmeere, nämlich die küstennahen und
nährstoffreichen Gebiete, die lediglich fünf Prozent der Weltmeeresfläche
ausmachen. Hier finden fast 90 Prozent der Fischereiaktivitäten statt.
Verschärft wird der Kampf um die Meeresressourcen dadurch, dass Fische an
Fische verfüttert werden. In den 1970er-Jahren wurden Aquakulturen als
Beitrag zur Ernährungssicherung propagiert und ab den 1980er-Jahren auf
Empfehlung von Internationalem Währungsfonds und Weltbank in den Ländern
des globalen Südens vorangetrieben.
In industriellen Aquakulturen vertilgen fleischfressende Fischarten 50
Prozent des weltweit hergestellten Fischmehls und 80 Prozent des Fischöls.
So wird letztlich ein Mehrfaches der Biomasse aus dem Meer verbraucht, um
Zuchtfisch für den menschlichen Verzehr herzustellen. Die Angaben
schwanken zwar je nach Standpunkt (Unternehmen versus Umweltaktivisten
etwa), doch die Tatsache an sich ist unbestreitbar. Zwischen drei und zehn
Kilo Fischmehl, gewonnen aus Sardinen und Anchovis, werden z. B. für ein
Kilo Zuchtlachs gebraucht. Hinzu kommen die katastrophalen Auswirkungen
auf die Umwelt. Die Lachsindustrie im Süden Chiles hat ganze Küstenstriche
samt ihrer Gewässer zerstört. Das Wasser ist voller Antibiotika und
Abfall, Fischseuchen breiten sich rasant aus. Ähnlich drastische
Auswirkungen bringen Garnelenfarmen in Zentralamerika und Ecuador mit
sich. In diesen Ländern kommt erschwerend hinzu, dass Mangrovenwälder
abgeholzt werden, die neben ihrer Eigenschaft als einzigartiges Ökosystem
zusätzlich eine wichtige Schutzfunktion erfüllen gegen Stürme und
Überflutungen, die in Folge des Klimawandels zunehmen. Die Fischerei
selbst ist durch ihren Treibstoffverbrauch eine Mitverursacherin des
Klimawandels.
Ganz vorne mit dabei auf der Jagd nach den letzten Fischen ist die
überdimensionierte Fangflotte von Großunternehmen aus EU-Staaten. Vor
allem spanische Firmen sind als global player auf der ganzen Welt und auch
an den Pazifikküsten Südamerikas aktiv. Von Nachhaltigkeit in der
EU-Fischereipolitik, die im Übrigen bis 2013 reformiert werden soll, kann
zurzeit nicht im Mindesten die Rede sein. Dabei gibt es auch hier
Überlegungen und – zum Teil schon angewandte – Ansätze, um die Bestände zu
sichern und der Plünderung Einhalt zu gebieten.
Wenn der Raubbau an den lebenden Meeresressourcen wie bisher weitergeht,
werden alle kommerziell nutzbaren Fischarten in den Weltmeeren in den
nächsten 20 bis 30 Jahren verschwinden. Die einzigen größeren Lebewesen in
den Meeren werden dann lediglich Quallen sein, die keine natürlichen
Feinde mehr haben.
Welchen Fisch und vor allem wie viel davon können wir dann überhaupt noch
essen? Auch auf diese praktischen Fragen gehen wir in unserem aktuellen
Schwerpunkt ein. So viel vorab: Greenpeace und andere Verbände wie „fair
fish“ sagen klipp und klar: Fisch gehört nur ein Mal im Monat auf den
Tisch! Weniger ist mehr, dem Meer zu liebe. Denkt an die Quallen!
P.S. Die Zerstörung der natürlichen Ressourcen und Lebensräume wird nicht
nur im Schwerpunkt dieser Ausgabe thematisiert. Das Thema zieht sich im
Vorfeld der Rio+20-Konferenz durch das ganze Heft. Ein besonderes Problem
sind dabei Großstaudämme, deren ökologische und soziale Folgen
katastrophal sind. Darauf gehen wir in zwei Beispielen aus Brasilien und
Kolumbien ein. Erstmals in der Geschichte der ila auch in Bild und Ton.
Der Abo-Ausgabe liegt eine DVD mit dem spannenden Dokumentarfilm
„Countdown am Xingú II“ in Deutsch und Portugiesisch bei. Wir – und der
Filmemacher Martin Keßler – hoffen, damit die ila-LeserInnen motivieren zu
können, sich gegen den Belo-Monte-Staudamm in Amazonien zu engagieren.
Inhalt
Meeresressourcen
4 In den dunkelsten Tiefen der Schöpfung
Die Seerechtskonvention UNCLOS III und das „Gemeinsame Erbe der
Menschheit“
/ von Prue Taylor
6 Die Karavelle zieht weiter
Interview mit Michael Earle zur Gemeinsamen Fischereipolitik der EU
/ von Gaby Küppers
9 Meeresressourcen sind nicht unendlich
In Kolumbien schrumpfen die Bestände von Thunfisch, Garnelen und
Piangua-Muscheln
/ von Laura Garzón Acosta
11 Gewerkschaftsfeind im Wilden Osten
Die Machenschaften des galizischen Thunfischkonzerns Calvo in El Salvador
/ von Fernando de Dios sowie Enildo und Gerardo Iglesisas
13 Pures Wunschdenken: die Öko-Garnele
Interview mit dem Umweltaktivisten Líder Góngora zur Garnelenzucht in
Ecuador
/ von Britt Weyde
16 Selbstverwaltung statt Fangquoten
Territoriale Nutzungsrechte und gemeinsame Bewirtschaftung an Chiles
Küsten
/ von Andreas Hetzer
19 Nur die Öffentlichkeitsarbeit funktioniert
Interview mit dem Biologen Héctor Kol über Zuchtlachs in Chile
/ von Britt Weyde
22 Lukrativer Raubbau
Peru ist weltweit der größte Fischmehlproduzent
/ von Knut Henkel
24 Fisch für kommunale spekulationsfreie Märkte
Fischereikooperativen in Venezuela
/ von Felix Wiesner und Jonas Holldack
26 Wenn bei Bola de Monte die Sonne im Meer versinkt
Mittlerweile ziemlich brotlos: Küstenfischerei in El Salvador
/ von Eduard Fritsch
28 Biolumineszierende Wunderwesen
Bakterien, Mikroalgen und Co.: Marine Biotechnologie will den
lebendigen Schatz der Tiefsee heben
/ von Stefan Tuschen
30 Weniger vertikale Umwälzung
Der Klimawandel und die Küstenfischerei in Mexiko
/ von Andreas Hetzer
32 Fisch nur ein Mal im Monat
Was können wir überhaupt noch essen? Kleiner Fischratgeber
/ von Laura Winkler
Berichte & Hintergründe
33 Enthaltung und Polarisierung
Parlaments- und Gemeinderatswahlen in El Salvador
/ von Sonja Wolf
35 Wer kocht da welches Süppchen?
Die neue Politik der Öffentlichen Sicherheit in El Salvador
/ von Angela Reyes
38 Die europäische Beteiligung muss thematisiert werden
Mit dem Belo-Monte-Staudamm droht in Amazonien ein ökologisches und
soziales Desaster – Interview mit dem Filmemacher Martin Keßler
/ von Gert Eisenbürger
42 Im Fortschrittsnebel
Das Dilemma der Linksregierungen mit der Umweltpolitik
/ von Eduardo Gudynas
44 Der Mythos von der sauberen Energie
Kolumbien: Konflikte um den El Quimbo-Staudamm
/ von Bettina Reis
46 Geraubte Kindheit
Kolumbien: Kinder und Jugendliche bei den Paramilitärs
/ von verdadabierta.com
48 Eine Revolution erfindet sich neu
Der langsame Wandel auf Cuba
/ von Franco Weis
50 Die Gewalttäter fühlen sich im Recht
Interview mit Dane Lewis über Homophobie in Jamaica und erste
positive Signale gegen die Diskriminierung
/ von Ina Hilse
Kulturszene
52 Das Denkmal muss weg!
Osvaldo Bayers Film Awka Liwen und die verdrängte Geschichte
der Ausrottung von Argentiniens Indígenas
/ von Annika Hartmann
54 Rinderlunge und Konfetti
Die Performance La última reina von Elizabeth Lino thematisiert die Folgen
des Bergbaus in den Anden von Peru
/ von Claudia Löhmann
56 Im Teufelskreis
Kettly Mars' Roman „Wilde Zeiten“ führt mitten in die Diktatur Papa Docs
in Haiti
/ von Gaby Küppers
57 Immer online, aber nie mitten im Leben
Der Film Medianeras zeigt einsame Singles in der Großstadt Buenos Aires
/ von Laura Winkler
58 Gescheiterte Umbenennung
Posse um Pablo-Neruda-Grundschule in Chemnitz
/ von Gert Eisenbürger
Ländernachrichten/Poonal
59 Argentinien, Brasilien, Ecuador, Paraguay
Solidaritätsbewegung
61 Fluchtlinien zwischen Staat und Markt
Buchbesprechung von Raul Zeliks „Nach dem Kapitalismus?“
/ von Frederik Caselitz und Patrick Delaney
62 Notizen aus der Bewegung, Impressum
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