ila

Abschied von Mario

Ernesto Kroch erinnert an den uruguayischen Schriftsteller Mario Benedetti (1920-2009)

Am 17. Mai starb in Montevideo der Dichter und Schriftsteller Mario Benedetti im Alter von 89 Jahren. Nur wenige Autoren des 20. Jahrhunderts wurden in ihren Heimatländern so geschätzt und verehrt wie Benedetti in Uruguay. Nicht gerade selbstverständlich für einen aktiven Sympathisanten der revolutionären Linken, der von der Militärdiktatur 1973 ins Exil gejagt wurde. Seine politische Geradlinigkeit und sein konsequentes Engagement gegen Militarismus und Reaktion förderten seine außerordentliche Popularität, geliebt wurde er von den UruguayerInnen aber wegen seiner Literatur, vor allem seiner Lyrik. Viele Gedichte Benedettis wurden von den bekanntesten MusikerInnen des Landes vertont und dadurch weiter verbreitet als das gedruckte Wort. Unser Autor Ernesto Kroch kannte Mario Benedetti seit langem und erinnert im folgenden Beitrag an den verstorbenen Freund.

Ernesto Kroch

Als nach der Totenwache im „Salon der verlorenen Schritte“ sein Sarg zum Friedhof gefahren wurde, stand das Volk an der Avenida de los Libertadores Spalier. Waren es im marmorkühlen Parlamentspalast die Kulturschaffenden, die Universität, die Regierenden, GewerkschafterInnen und linken AktivistInnen gewesen, die am leuchtenden Katafalk Mario Benedetti ihren letzten Gruß boten, so standen die Alltagsmenschen an dem breiten Boulevard, durch den der Leichenzug zog. Arbeiter in blauer Kluft traten aus den nahen Autowerkstätten, Bauarbeiter von ihren Gerüsten, Tränen in den Augen, Schulkinder in ihren weißen Kitteln, mit Gedichten von ihm auf Blätter geschrieben, die sie wie Fahnen hochhielten, Nonnen aus der anliegenden Kirche kommend... ein Menschenmeer, dem Trauergefolge nachziehend, gab ihm das letzte Geleit. Ein Volk, das sich mit seinem Dichter identifizierte. Einem, dessen Wort, ob in Versen oder Prosa, jedermann verständlich, mit Tiefenschärfe die Misere der Gegenwart aufdeckte und doch Hoffnung und Zukunft verhieß.

Wiewohl seine Art zu sein und sich auszudrücken so uruguayisch war wie der Mate und die dazugehörige Thermosflasche, brachen seine Schriften doch viele Grenzen auf. Grenzen der Länder, der Tabus, der Gesellschaft und der Generationen. Vor einer Menschenmenge jeden Alters wurde, am Pantheon National angekommen, sein Gedicht „Was bleibt da der Jugend?“ vorgelesen. Benedetti hat es verstanden, dialektisch Ästhetik und Ethik zu vereinen, Liebe und Kampf, die Verteidigung der Freude und den Widerstand gegen die Unterdrückung. Seine Feder versprühte Gegengift gegen die Resignation, die Frivolität, die Heuchelei der Herrschenden. Dem neoliberalen „Rette sich, wer kann“, setzte er poetisch ein „Rette dich nicht“ entgegen und war in seinem Leben ebenso kohärent wie in seinen Schriften. Wort und Tat in einem.

Seit seiner frühen Jugend aktiv im Studentenbund im Kampf gegen den Militärpakt von Río mit den USA, bis kurz vor seinem Tod die Kampagne des Plebiszits für die Annullierung des Gesetzes der Straffreiheit der Mörder in Uniform unterstützend. Das, obwohl schon sehr geschwächt. Er starb dann am 17. Mai nachmittags in Frieden, während er schlief. Mario war stets politisch engagiert. Aber er nahm nie eine führende Stellung ein oder ein Amt an, wirkte stets an der Basis. Antiimperialist, Verteidiger Cubas, Revolutionär, war er Mitbegründer von Marcha und anderen linken Zeitschriften und gehörte, als sich alle linken Gruppen und Parteien in der Frente Amplio vereinigten (1971), der Bewegung 26 de Marzo an, damals politischer Arm der Tupamaros in der Vereinten Linken.

Als das Militär mit einem Staatsstreich (1973) seine Diktatur errichtete und Marcha, wie alle linken Medien, verbot, musste er nach Buenos Aires fliehen. Er teilte da die Schlüssel für illegale Unterkünfte mit Zelmar Michelini, dem Senator der Frente Amplio, und Héctor Gutiérrez Ruíz, dem Parlamentspräsidenten, die wie er aus Uruguay geflüchtet waren. Als Michelini und Gutiérrez Ruiz am 20. Mai 1974 von einem argentinisch-uruguayischen Militärkommando ermordet wurden, entkam Mario aus dem lebensgefährlichen Argentinien nach Peru. Auch da konnte er nicht lange bleiben, von einem Tag zum anderen wurde er zum Flugplatz gebracht und deportiert (1977). In Cuba angekommen, arbeitete er dann wieder – wie schon einmal 1968 bis 1971 – in dem von ihm mitbegründeten Kulturinstitut Casa de las Américas. Befreundet mit Haydée Santamaría und Roberto Fernández Retamar, sah er Cuba als sein „politisches Vaterland“ und verteidigte es, von wem auch immer ein Angriff kam. Was ihn jedoch nicht davon abhielt, seine schwachen Seiten zu kritisieren: die Bürokratie, die Privilegien von Funktionären, den Vertikalismus und die ungenügende Demokratie. Vor allem verlangte er offen die Abschaffung der Todesstrafe. Doch über alle Mängel hinweg sah er sich dem cubanischen Volk und seiner Revolution der Würde verpflichtet. 1980 ging er nach Spanien und unterstützte von dort aus die politischen Gefangenen in Uruguay und den Kampf gegen das Terrorregime. Als dann die Diktatur, vom Volk in die Enge getrieben, in den letzten Zügen lag, kehrte er aus Madrid nach Montevideo zurück (1983). Hier nahm er an der Gründung der linken Wochenzeitung Brecha, in der alten kämpferischen Tradition von Marcha, teil.

Als schließlich die Frente Amplio an die Regierung kam (2005), wurde ihm vom Ministerium für Erziehung und Kultur das Amt des Direktors der Nationalbibliothek angeboten. Aber Mario lehnte ab. Nach der gescheiterten Guerilla, der er nahegestanden hatte, sah er sich – stets mit den gleichen humanistischen und emanzipatorischen Zielen – als Sozialist, freilich ohne je Mitglied einer Partei zu werden. In der Frente Amplio galt er als Unabhängiger und nahm an vielen sozialen Projekten und Initiativen teil. Fühlte er sich auch stets jenem Kampf verpflichtet, so wollte er doch freie Hand für seine Feder haben. Lag doch seine Stärke und Wirksamkeit im geschriebenen Wort, auf dem Gebiet der Literatur und auch, aber weniger, dem des Journalismus. Während er einen politischen Artikel schrieb, hatte er schon zehn Gedichte oder drei Erzählungen verfasst. Und selbst als Journalist bezogen sich seine Analysen und Kritik weniger auf Staat und Parteien als auf die Gesellschaft. Er war ihr moralisches Gewissen.

Davon legen über 80 seiner Bücher Zeugnis ab, nicht wenige in 20 Sprachen übersetzt. Und es gibt kaum ein Genre, in dem er sich nicht versucht hätte. Doch in der Poesie war er ein Meister. Nach Pablo Neruda war er sicherlich der meistgelesene Dichter Lateinamerikas. Aber auch in Europa fand er Beachtung, das zeigen die vielen Literaturpreise und Auszeichnungen dort. Mit „La víspera indeleble“ (Der unvergängliche Vorabend, 1945) begann seine poetische Laufbahn, um nur Monate vor seinem Tod mit „Testimonio de uno mismo“ (Zeugnis seiner selbst) zu enden. Dazwischen liegen zig Gedichtbände. In den fünfziger Jahren erschienen seine „Poemas de la oficina“ (Bürogedichte) und zu diesem für ihn damals wichtigen Thema kann man die Novelle „La tregua“ (Die Gnadenfrist) und den kritischen Essay „El país de la cola de paja“ (Das Land des schlechten Gewissens) und den Erzählungsband „Montevideanos“ hinzuzählen. Gedicht, Novelle, Essay und Kurzgeschichten gaben seiner Besorgnis und Anklage Ausdruck angesichts der Identitätskrise einer Gesellschaft, die anfing auseinanderzubrechen. „Das verstädterte Land“, Uruguay, „das einzige Büro in der Welt, das die Kategorie einer Republik erlangt hat“, sowie die Mentalität des Uruguayers als die eines Büroangestellten, den Verlust des kulturellen Erbes und die schäbige Mittelmäßigkeit nahm Benedetti in einer Zeit der Stagnation und des moralischen Verfalls unter die Lupe. Bei aller ätzenden Kritik aber ließ er eine Lücke des Ausblicks auf einen Wandel offen. Ein jedes dieser vier Bücher zu lesen ist ein wahrer literarischer Genuss. Man fühlt sich als Komplize des Schriftstellers und macht sich mit ihm über diese Welt lustig und traurig. Man merkt es: Mario muss dieses matt graue Universum der Ämter und Büros aus eigener Erfahrung von innen her gekannt haben.

Am 14. September 1920 in Paso de los Toros, einer Kleinstadt in der Mitte Uruguays, geboren, zog seine Familie mit ihm als Vierjährigem in die Hauptstadt Montevideo. Nach dem Schulabgang mit vierzehn Jahren trat er ins Berufsleben. Zuerst arbeitete er in einer Firma für Autoersatzteile, dann als Stenograph, Kassierer, Übersetzer – er hatte die deutsche Vorschule besucht – und auch als öffentlicher Angestellter. Selbst als er nach Buenos Aires umzog, arbeitete er stets in Büros. Doch in all seinen wahren und düsteren Prognosen irrte er auch. „Wir stehen auf einem stillen Plätzchen, wo es weder Erdöl noch Indios noch Erzlager oder Vulkane gibt, nicht einmal eine Armee, die sich zum Staatsstreich berufen fühlt.“ Anderthalb Jahrzehnte später schmachtete das Land unter den Stiefeln seiner Generäle. Bis dahin hatte Mario viele neue Gedichte und Romane in streitbareren Tönen geschrieben. „El cumpleaños de Miguel Angel“ (Miguel Angels Geburtstag), seine in Versen geschriebene Novelle bezieht sich auf die Stadtguerilla, aber in einem Zeitraum von nur 24 Stunden, in welchen der Protagonist unter sehr verschiedenen Umständen mehrere Geburtstage von acht bis 34 Jahren feiert. Mit viel Phantasie geschrieben, nahm er die Flucht der Tupamaros aus der Haft durch die Abwässerkanäle Jahre vorweg.

Das Werk war Raúl Sendic, dem Führer der Stadtguerilla, gewidmet, dem er einmal seine Wohnung als Unterschlupf bot – daher das Gedicht „Wir alle konspirieren“. Als Jahre danach Sendic im Gefängnis saß, wollte eine Frau, die ihn dort besuchte, das Buch überbringen. Zuvor musste sie es aber der Kontrolle vorlegen. Der Soldat bemerkte die Widmung und wies den wachhabenden Offizier darauf hin. Der strich kurzerhand die Widmung aus, freilich so, dass Sendic sie noch gut lesen konnte, warf einen Blick hinein und sagte verächtlich: „Gut, es sind ja nur Verse... soll's durchgehn.“ Auch der Gedichtband „Letras de emergencia“ (Schriften im Notstand) spiegelt den Zeitgeist jener turbulenten, konfliktreichen Jahre vor dem Staatsstreich wider. Später, schon im Exil unter dem Eindruck der Schreckensnachrichten aus seinem Land, wo der Staatsterror zum System geworden war, schrieb er das Theaterstück „Pedro y el capitán“ (Pedro und der Hauptmann). Der politische Gefangene und der Verhörer stehen sich da gegenüber. Von Akt zu Akt, nach jeder neuen Foltersitzung treibt der bestialisch geschundene und jedesmal schwächere Pedro mit seiner Standhaftigkeit und Integrität den hohen Offizier in die Enge und, schon am Rande des Todes, triumphiert über ihn. Ein ergreifendes Drama, das in Europa seinerzeit Indifferenz und Gewissen aufrüttelte und zu mehr Solidarität mit den politischen Gefangenen der Diktaturen Lateinamerikas beitrug.

Als die Diktatur in Uruguay andauerte und das Exil sich hinzog, wurde Benedettis Stil mehr reflexiv. Es erschien der Erzählungenband „Con y sin nostalgia“ (Mit und ohne Sehnsucht) und der Roman „Primavera con una esquina rota“ (Frühling mit einer angebrochenen Ecke). Als Parabel für die von dem autoritären Regime forcierte Fragmentierung der Gesellschaft steht hier der Zerfall einer Ehe. Obwohl einst wahre Lebensgemeinschaft gewesen, geht sie unter der langen Trennung – er im Militärgefängnis, sie und das Kind in Spanien – allmählich in die Brüche. Der erschütternde Briefwechsel von „Hinter den Mauern“ und „Außen vor den Mauern“ ist zugleich Zeugnis von Liebe und Einvernehmen und zunehmender Entfremdung. Bemerkt doch Benedetti bei sich selbst, dass er sich verändert und auch sein Land sich verändert.

Man sagt
dass nach zehn Jahren
alles sich geändert hat
drüben

Man sagt
dass der Boulevard ohne Bäume ist
und wer bin ich daran zu zweifeln

bin nicht auch ich ohne Bäume
und ohne Erinnerung an die Bäume
die wie man sagt
nicht mehr da sind.

Die Bäume auf dem 18 de Julio hat Mario nicht mehr wieder gefunden. Die Generäle hatten wenig Sinn für Blumen, Gedichte und Bäume. Aber er fand es bestätigt, als er heimkehrte, das Gemeinschaftsgefühl, die gute Nachbarschaft, die Solidarität waren unter Terror und Furcht in den fast zwölf bleiernen Jahren erstickt. Sie mussten erst wiedererweckt werden, und dazu trugen – nun im Desexilio, der Zeit der „Entexilierung“ – auch Benedettis Gedichte und Erzählungen, seine Filme und Theaterstücke bei.

Er entwickelte ein enormes schöpferisches Potential, trotz seines immer beschwerlicher werdenden Asthmas, das ihn die uruguayischen Winter im sommerlichen Madrid verbringen ließ. Begleitet stets, so wie fast sein ganzes Leben lang bis zu ihrem Tod vor wenigen Jahren, von Luz, seiner Lebensgefährtin.

Besonders waren es seine Lieder, Gedichte, die vertont in den Allgemeinbesitz der UruguayerInnen übergingen. Die fast jeder kennt und der Folklore des Landes eigen erachtet. Vor allem das Duo Los Olimareños und Daniel Viglietti machten daraus bekannte Lieder, zuweilen nach einer kleinen Umarbeitung von Mario. Auch Joan Manuel Serrat und Pablo Milanés haben Gedichte von ihm vertont. Rezitation und Konzerte im Dialog von Benedetti und Viglietti waren auf den Montevideaner Bühnen, solange Mario noch dazu imstande war, keine Seltenheit. Oft zu dem Zweck, Gelder für die „Organisation der Familienangehörigen der Verhaftet-Verschwundenen“ zu sammeln. Und diesen spendete auch Mario die 30 000 Dollar seines in Cuba erhaltenen Premio José Martí. Eben das lässt ihn unter der Plejade der großen SchriftstellerInnen – und überhaupt aller „Großen“ – hervorragen, seine Integrität als Mensch. Wie ihn José Saramago in einem Nachruf beschrieb: „Vor allem war er ein guter Mensch. Nie beugte er sich vor der Macht. Seine Werke werden andere Dichter gebären und so wird er weiterleben.“