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Buchbesprechung

 Zapatismus  Kuba   Alle besprochenen Bücher  Recht auf Stadt  Territorien des Widerstands

Lesegenuss pur
Leonardo Paduras Roman
über den Mord an Trotzki
von Klaus Jetz

In allen seinen Romanen erweist sich Leonardo Padura als Meister der Spannung. Doch der im Frühjahr in deutscher Übersetzung erschienene Roman über den Trotzki-Mörder, „Der Mann, der Hunde liebte“, ist sein Meisterwerk. Mehrere Jahre hat er daran gearbeitet, das Thema ließ Padura nicht mehr los, seit er 1989 Trotzkis Haus im mexikanischen Coyoacán besucht hatte und vor allem als er erfuhr, dass der Mörder Trotzkis seine letzten Lebensjahre unerkannt in Havanna verbracht hatte.

Der Roman stellt uns gleich vor mehrere Herausforderungen: Er ist vielschichtig, historisch komplex, eine politische Abrechnung, kompakt und umfangreich, ein wahrer Lesemarathon und dennoch so fesselnd, dass man ihn kaum aus der Hand legen will. Lesegenuss pur.

Mehrere historische Ebenen rollt Padura auf. Erschütternd sind die Passagen, in denen er die stalinistischen Säuberungen der 1920er und 30er Jahre nicht nur in der Sowjetunion, sondern auch in Katalonien mitten im spanischen Bürgerkrieg darstellt. Was er über die Kämpfe innerhalb der republikanischen Reihen schreibt, besser über den sowjetisch gesteuerten Krieg im Krieg, der sich gegen Linkssozialisten, Trotzkisten und Anarchisten richtete, gehört mit zum besten, was je über dieses Thema geschrieben wurde. Weitere Stationen sind das nazistische Deutschland kurz vor und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, das postrevolutionäre Mexiko und das New York der 40er Jahre, dann der Kalte Krieg und der Prager Frühling sowie das castristische Kuba.

Drei Personen sind die Protagonisten des Romans. Zunächst Trotzki, dessen Biografie bis in letzte Detail bekannt ist. In zahlreichen Rückblicken werden immer wieder Trotzkis Taten als Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten und vor allem als Gründer der Roten Armee aufgerollt. Das Wüten der Roten Armee in Polen, der Ukraine und die blutige Niederschlagung des Aufstandes der Kronstädter Matrosen gingen auf Trotzkis Konto. Er war kein Unschuldslamm, unterschätzte aber Stalin. Und der sorgte 1928 für Trotzkis Verbannung nach Alma Ata und schließlich für seine Ausweisung.

Detailliert schildert Padura Trotzkis Exil in der Türkei, in Frankreich, Norwegen und schließlich in Mexiko. Es folgt sein langer Kampf gegen das Vergessen und gegen seine Tilgung aus der sowjetischen Geschichte, die Stalin betrieb. Im Exil entstehen Trotzkis Schriften über die Gefahren des Nationalsozialismus, über den Nationalkommunismus stalinistischer Prägung, über die Moskauer Prozesse und die Person und den Personenkult Stalins. Der sieht zunehmend eine Gefahr in seinem ehemaligen Rivalen, für den Diktator in Moskau ist es bald an der Zeit, Trotzki eliminieren zu lassen.

Stalins Waffe ist der katalanische Kommunist und NKWD-Agent Ramón Mercader, über den die Geschichtsschreibung nicht viel zu berichten weiß. Er wuchs in Frankreich auf, wurde 1935 in Spanien als Kommunist verhaftet, nahm am Bürgerkrieg teil und verschwand schon 1937 in der Sowjetunion. Hier wurde er zu einem Agenten und Killer ausgebildet. Vor dem Krieg hält er sich in Paris auf, wo er Kontakte zu einer nordamerikanischen Trotzkistin knüpft, die ihm schließlich Zugang zu Trotzki ermöglicht. Er versucht dessen Vertrauen zu gewinnen, was ihm schnell gelingt. Am 20. August 1940 erschlägt er Trotzki mit einem Eispickel. Für 20 Jahre verschwindet er in einem mexikanischen Gefängnis, 1960 wird Mercader in die Sowjetunion ausgewiesen. Die vier letzten Lebensjahre von 1974 bis 1978 verbringt Trotzkis Mörder in Kuba. Weiße Flecken in dessen Biografie, insbesondere über die Zeit im spanischen Bürgerkrieg, in der Sowjetunion und Kuba füllt Padura mit fiktiven Passagen.

So führt er etwa eine fiktive Gestalt im Roman ein, den jungen kubanischen Schriftsteller Iván, der für eine Rahmenhandlung sorgt. Iván ist Paduras alter ego. Er begegnet 1978 an einem abgelegenen Strand in der Nähe von Havanna einem mysteriösen todkranken Mann mit zwei Hunden. Natürlich handelt es sich um Mercader, den Stalin bereits 1940 zum Helden der Sowjetunion ernannt und mit dem Leninorden ausgezeichnet hatte. Von Gewissensbissen geplagt erzählt er ihm alle Einzelheiten über den Mord an Trotzki.

„Der Mann, der Hunde liebte“ ist ein antistalinistischer Roman, ein Roman über Fanatismus und politische Verblendung. Padura rechnet ab mit den Auswüchsen des Bolschewismus, mit der Revolution, die ihre Kinder frisst, mit der Terrorherrschaft, die eine Utopie zu Grabe trug. Dabei steigert Padura die Spannung in unerträglicher Weise. Er erzählt nicht linear, sondern nähert sich nur zögerlich dem großen Finale, dem Mord an Trotzki. Zwei Schritte vor, ein Schritt zurück, weil Ereignisse und Sachverhalte mal aus der Perspektive Trotzkis, mal aus der Ramón Mercaders erzählt werden.

Padura schafft Bilder, die uns im Gedächtnis haften bleiben: Trotzkis Verbannung und Irrfahrt durch Kasachstan, Trotzki in seiner Villa auf einer der Prinzeninseln im Marmarameer, Mercader auf Parteiversammlungen in Barcelona, wo ihn sowjetische Agenten im Frühjahr 1937 zum Kampf gegen die linkssozialistische POUM aufhetzen. So macht der Lesemarathon Spaß, geradezu süchtig. Und es verwundert nicht, dass bereits über die Verfilmung des Romans verhandelt wird.

Leonardo Padura, Der Mann, der Hunde liebte, Zürich (Unionsverlag) 2011, 732 Seiten, 28,90 Euro

Die Städte denen, die darin leben
Eine spannende Publikation über urbane soziale Bewegungen in Lateinamerika
von Gert Eisenbürger

Die Grundforderung der bäuerlichen und Landlosenbewegungen in Lateinamerika lautet „Das Land denen, die es bebauen“. Analog dazu reklamieren seit einigen Jahren urbane Bewegungen das Recht, ihre Stadt, insbesondere ihr Stadtviertel mitzugestalten, um den Bewohnern und Bewohnerinnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Das Spektrum und Tätigkeitsfeld dieser städtischen Sozialbewegungen ist breit. Darunter fallen Initiativen, die sich für Infrastruktur und kommunale Einrichtungen, wie Wege, öffentliche Plätze, Zugang zu Trinkwasser oder soziale Einrichtungen einsetzen bzw. entsprechende Projekte in Eigenregie organisieren ebenso wie Bürger/innen, die sich in den unterschiedlichen Gremien kommunaler Partizipation engagieren, die in den letzten Jahren in vielen lateinamerikanischen Ländern geschaffen wurden.

Mit dem Buch „Recht auf Stadt – Gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in Lateinamerika“ legt das Informationsbüro Nicaragua Wuppertal nun eine Publikation vor, die die Ansätze und Zielsetzungen der städtischen Sozialbewegungen in Lateinamerika an ausgewählten Beispielen darstellen und reflektieren möchte. Grundlage des Buches sind aktuelle Interviews mit lateinamerikanischen AktivistInnen, die mehrheitlich während einer zweimonatigen Recherchereise durch Argentinien, Uruguay, Bolivien, Peru, Ecuador und Venezuela Anfang 2011 entstanden. Dazu kommen Gespräche mit AktivistInnen aus Cuba und Nicaragua, die bei anderen Gelegenheiten geführt wurden.

Im ersten Teil geht es um kommunale Partizipationsprojekte in Venezuela, Uruguay und Nicaragua. In den Interviews und erläuternden Texten wird deutlich, dass Regierungen zwar häufig Dezentralisierung und Einflussmöglichkeiten der BewohnerInnen der barrios postulieren und entsprechende Organe schaffen, tatsächliche Mitbestimmung aber den lokalen Behörden oft mühsam abgetrotzt werden muss. Wenn die Leute Ideen haben und Prioritäten setzen wollen, die von denen der Stadtverwaltungen abweichen, gibt es Konflikte und es bedarf klar umrissener Kompetenzen der Partizipationsorgane, damit sie ihre Vorstellungen durchsetzen können. Gibt es die nicht bzw. werden sie von Behörden ausgehöhlt, haben die Leute schnell das Gefühl, sie könnten doch nichts bewirken und beenden ihr Engagement. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung des uruguayischen Aktivisten und langjährigen Funktionärs der Stadtverwaltung von Montevideo, Walter Cortazzo, dass vor allem die Mittelschichten ihre Interessen artikulierten, während die Reichen und die Bewohner/innen der Armenviertel sich deutlich weniger einbrächten.

Ein zentrales Problem vieler Partizipationsmodelle ist der Versuch der politischen Parteien, Einfluss auf die Mitbestimmungsorgane zu nehmen. Das kann soweit gehen, dass kommunale Selbstverwaltungsstrukturen für Parteiinteressen instrumentalisiert und damit letztlich ad absurdum geführt werden, wie im Falle der von der Regierung Ortega in Nicaragua initiierten CPC (Bürgermachtsräte).

Im zweiten Teil des Buches geht es um drei konkrete Beispiele gemeinwohlorientierter Selbstorganisation in Lateinamerika, nämlich Wohnbaukooperativen in Uruguay und Ecuador, Stadtgärten in Cuba und selbstverwaltete Betriebe in Argentinien. In den Interviews beschreiben die AktivistInnen ihre jeweiligen Projekte und deren Entwicklungen. Es liegt in der Natur der Sache, dass sie von ihren Ansätzen überzeugt sind. Probleme und Rückschläge werden kaum thematisiert. Einzig das Interview zu den Stadtgärten und kommunaler Gemüseproduktion in Cuba stellt das Projekt sehr differenziert dar und reflektiert auch kritisch die Schwierigkeiten und Defizite.

Ein eigenständiges Kapitel ist der Auseinandersetzung um die indigene Autonomie in Bolivien gewidmet. Nach der Verfassung von 2006 können indigene Gemeinschaften diese beantragen. Damit sind sehr weitgehende Selbstverwaltungskompetenzen verbunden, die erheblich über die Partizipationsmodelle in anderen Ländern hinausgehen. Allerdings sind die Hürden zur Erreichung der indigenen Autonomie sehr hoch. Ob Gemeinschaften/Gemeinden diese letztendlich erhalten, entscheiden Gerichte nach der Vorlage entsprechender Unterlagen (Unterschriftenlisten, Ergebnisse von Plebisziten in den Gemeinschaften, Gutachten). Bisher haben erst elf Munizipien (kommunale Verwaltungseinheiten) den Status einer autonomen indigenen Gemeinde beantragt.

Im letzten Abschnitt des Buches kommen städtische Sozialaktivisten aus Wuppertal zu Wort. Sie sprechen über ihre Arbeit und darüber, was sie von den urbanen Bewegungen Lateinamerikas lernen können. Dabei fällt auf, dass sie sehr Spannendes über die sozialen Probleme und Widersprüche hierzulande zu berichten haben und dabei brisante Fragen aufwerfen. Ihre Sichtweise auf Lateinamerika und die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Stadtteilarbeit hüben und drüben bleibt dagegen eher blass und teilweise auch etwas schematisch. Ein Beleg mehr dafür, dass es eine ausgesprochen gute Idee war, das Buch „Recht auf Stadt“ zu veröffentlichen und die Diskussionen von der anderen Seite des Atlantiks hier zugänglich zu machen.

Informationsbüro Nicaragua e.V. (Hg.): Recht auf Stadt. Gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in Lateinamerika, mit Beiträgen von: Klaus Heß, Ina Hilse, Ralf Ohm, Ulla Sparrer, Basta-Gruppe Wuppertal, Nahua Script 13, Wuppertal 2011, 110 Seiten, 5,- Euro.

Bezug: Informationsbüro Nicaragua, Postfach 10 13 20, 42103 Wuppertal, oder im Buchhandel

Bausteine für eine neue Welt
Raúl Zibechi über Territorien des Widerstands in den Armenvierteln der Städte
von Alix Arnold

Vor zwei Jahren erschien die Übersetzung seines Buches über die Organisierung der Aymara in El Alto: Die Zersplitterung der Macht.1 Nun liegt „Territorien des Widerstands“ vor, in dem Zibechi quer über den gesamten Kontinent der Frage nachgeht, wie in den Peripherien der großen Städte Lateinamerikas autonome Bewegungen entstehen, die in ihrer Selbstorganisierung Elemente einer anderen Gesellschaft bereits vorwegnehmen. Raúl Zibechi aus Montevideo ist wohl einer der kreativsten Sozialforscher in Südamerika – mit eigener Erfahrung als Militanter und Aktivist, mit großer Nähe zu den Bewegungen und der klaren Überzeugung, dass radikale Veränderung nur von unten kommen kann. Gegen die übliche Sichtweise, dass in den Slums nichts als Elend und Gewalt herrschen, versucht er, die Kämpfe und Selbstorganisierung der Marginalisierten zu entschlüsseln. In Anlehnung an Mike Davis stellt er nicht nur die These auf, dass Slums der entscheidende geopolitische Schauplatz der Zukunft sind, sondern dass sie sich bereits in Gebiete verwandelt haben, in denen die Unterklassen zur Herausforderung für das kapitalistische System und zur Gegenmacht geworden sind. Seit dem Caracazo, dem Aufstand in Venezuela 1989 ist der Widerstand in eine neue Phase von offenen Revolten getreten – u.a. in Quito, Lima, Cochabamba, Buenos Aires, Arequipa, La Paz und Oaxaca. Die ProtagonistInnen kamen aus den Armenvierteln. Folge dieser Bewegungen sind Linksregierungen, die in Lateinamerika seit 1999 in mehreren Ländern die Staatsgeschäfte übernommen haben. Im zweiten Teil des Buches zeigt Zibechi an prägnanten Beispielen auf, wie Linksregierungen und NRO die Bewegungen teilweise wieder ausgebremst haben.

Vor hundert Jahren waren die Städte der Ort der herrschenden Klasse und der Mittelschichten. Heute sind sie von den Unterklassen umzingelt. An den Rändern der Großstädte ist eine Welt entstanden, die ihrer eigenen Logik folgt. Da es hier keine ausgearbeiteten Strategien oder politischen Programme gibt, lässt sich das „historische Projekt“ der Marginalisierten nur im Nachhinein erschließen, indem über einen langen Zeitraum die untergründigen Prozesse hinter den Aktionen untersucht werden. Bei der Analyse „Sozialer Bewegungen“ werden in der Regel eher formale Aspekte berücksichtigt wie Organisations- und Mobilisierungsformen, Herkunft der Mitglieder usw. Der Begriff verstellt den Blick auf die Realität in den Armenvierteln. Zibechi spricht deshalb lieber von „Gesellschaften in Bewegung“ oder „Gesellschaften anderer Art“ (Sociedades otras), um darauf hinzuweisen, dass am Rande der alten bereits eine neue Gesellschaftlichkeit entsteht.

Er beginnt seine Schilderung der selbstverwalteten Armenviertel mit der Rekonstruktion einer Besetzung in Santiago de Chile 1957. Dort nahmen sich 1200 Familien ein 55 Hektar großes Gelände und bauten ihre Siedlung La Victoria. Gleich in der ersten Nacht hielten sie eine Versammlung ab und bildeten Kommissionen, die sich um Bewachung, Subsistenzproduktion und Gesundheit kümmern sollten. Alles wurde im Eigenbau errichtet. Als erste öffentliche Gebäude entstanden ein Gesundheitszentrum und eine Schule, für die jeder Siedler 15 Ziegel beisteuerte. Lehrer unterrichteten kostenlos. Nach zwei Jahren lebten in La Victoria 18 000 Menschen in etwas mehr als 3000 Häusern. Dies war vielleicht die erste organisierte Besetzung in Lateinamerika. Das Modell wurde seitdem immer wieder aufgegriffen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern. Ende 1972 lebten allein in Santiago 400 000 Personen – fast ein Drittel der Bevölkerung – in solchen Siedlungen. Ähnliche Zahlen wurden in dieser Zeit für andere Großstädte erhoben: Recife (50 Prozent), Río de Janeiro (30), Bogotá (60), Guayaquil (49), Caracas und Lima (40).

In La Victoria zeigen sich bereits die Elemente von Selbstorganisation, die das eigene Projekt der Armenviertel ausmachen. Die Besetzung bricht mit dem Eigentumsprinzip und der Logik der Institutionen. Mit der Aktion verwandeln sich die Ausgeschlossenen in ein soziales und politisches Subjekt. Sie stellen keine Forderungen und lassen sich nicht von Parteien oder Gewerkschaften repräsentieren. Dabei nimmt das „Selbst“ (Selbstbau, Selbstregierung) den Platz der Repräsentation ein. Schon bei diesem Sprung nach vorne spielten Frauen die Hauptrolle – so wie sie Jahre später zu den Hauptakteurinnen der horizontal organisierten Basisbewegungen werden sollten. Dies bringt eine andere Rationalität und eine andere Kultur mit sich, in der Beziehungen wichtiger sind als Dinge und der Gebrauchswert gegenüber dem Tauschwert in den Vordergrund tritt. In ihren eroberten Territorien entwickeln die Armen neue Fähigkeiten. Sie überleben nicht mehr nur von den Resten, sondern beginnen selbst zu produzieren – ohne Chefs und teilweise jenseits des Marktes. Dabei knüpfen sie an indigene Traditionen gemeinschaftlicher Arbeit an. Als Beispiel beschreibt Zibechi die teils subventionierten, teils völlig selbstverwalteten Suppenküchen in Lima, die auf Anregung von Befreiungstheologen gegründet wurden. 2003 gab es fast 5000 solcher Küchen, die täglich eine halbe Million Essensportionen produzieren, von denen nur ein kleiner Teil verkauft wird. Arbeiten für Bekannte statt für den Markt – so dehnt sich die Logik der familiären Fürsorge auf den öffentlichen Raum aus, und es entsteht eine parallele Ökonomie, die mehr ist als eine informelle: Sie schafft als Protestökonomie die Möglichkeit, von dem eigenen Territorium aus dem System zu trotzen.

Einige Beispiele, die Zibechi für nicht-marktförmiges Produzieren anführt, wirken etwas überinterpretiert. Die selbstverwalteten Viertel sind keine autarken Inseln, und das wäre wohl auch kaum wünschenswert für eine Perspektive von Befreiung und gutem Leben für alle. Für die Frage der Umwälzung der Gesamtgesellschaft wäre genau die Verbindung zu den Kämpfen innerhalb der Lohnarbeit wichtig, die aber bei Zibechi gar nicht vorkommt (siehe den Artikel „Industriestandort El Alto“, ila 327, der auf einen ähnlichen blinden Fleck in der „Zersplitterung der Macht“ hinweist). Die Ausgeschlossenen haben gezeigt, dass sie in der Lage sind, auf der Straße eine enorme Macht zu entfalten und Regierungen zu stürzen. Solange aber neben dem Aufstand die kapitalistische Produktion weiter funktioniert, ist das Kapitalverhältnis noch nicht wirklich in Gefahr. Zibechi geht es darum, auf die Existenz und Stärken der „anderen Gesellschaften“ hinzuweisen, die vom Kapital mehr oder weniger abgekoppelt sind. Und im Rückblick stellt er den Zusammenhang zur Lohnarbeit sehr wohl her: Er verweist darauf, dass die Schiffbrüchigen des Systems keine passiven Opfer sind, da die ArbeiterInnen den Schiffbruch selbst provoziert haben. In Kämpfen wie dem Cordobazo (siehe ila 325) haben sie die entfremdete Arbeit infrage gestellt. Sie sind vom Schiff des Arbeit-Kapital-Verhältnisses geflohen, und auf den Trümmern dieses Schiffes beginnen ihre Kinder nun, etwas Neues aufzubauen. Wie deren Kämpfe mit denen derjenigen zusammenkommen können, die noch auf den letzten Galeeren arbeiten, wird eine praktische Frage für uns alle sein.

Die Selbstorganisierung der Armen wird von den Herrschenden durchaus als Bedrohung wahrgenommen und bekämpft. Nach dem Pinochet-Putsch in Chile 1973 wurden die selbstgebauten Campamentos zerstört, und die Umsiedlung von Menschen aus selbstorganisierten Siedlungen ging danach in der Demokratie weiter. In den Aufständen seit 1989 wurde klar, dass Repression und Ausnahmezustand nicht mehr ausreichen, die Armen in Schach zu halten. Ein Kapitel des Buches beschäftigt sich mit der „Kunst, die Bewegungen zu regieren“. Während in den Anden eher auf Entwicklungszusammenarbeit gesetzt wird, um die Bewegungen zu vereinnahmen, betreiben Argentinien und Uruguay eine Armutspolitik, die gezielt in die Territorien der Marginalisierten interveniert. Am Beispiel von Ecuador wird der zersetzende Einfluss von NRO ausführlich dargestellt: Sie fördern die klientelistische Logik und erzeugen eine Schicht von Anführer-Funktionären, die sich nicht mehr durch Militanz auszeichnen, sondern vor allem durch die Fähigkeit, Gelder zu akquirieren. Diese Technokraten bereiten den Weg für die Integration der Bewegung in staatliche Institutionen.

In Uruguay wurde unter der Regierung der Frente Amplio ein Programm für arme Stadtteile aufgelegt, bei dem lokale Institutionen, Vereine und Bevölkerung bei der Verteilung von Mitteln mitreden dürfen (SOCAT). Am Beispiel des Stadtteils Barros Blancos, in dem vor allem Familien wohnen, die sich nach Fabrikschließungen und Arbeitslosigkeit die Wohnungen im Zentrum Montevideos nicht mehr leisten können, werden die Auswirkungen beschrieben. Indem der Staat an Methoden und Verhaltensweisen der Bewegungen anknüpft, verschafft er sich eine neue Legitimität. Linksregierungen sind wesentlich besser als andere in der Lage, die Bewegungen zu entwaffnen und ihres antikapitalistischen Charakters zu berauben.

Die „Gesellschaften in Bewegung“, die den Linksregierungen in Lateinamerika auf ihre Posten verholfen haben, sind heute in der Defensive. Aber mit ihren Versuchen, nicht-kapitalistische Beziehungen aufzubauen, zeigen sie, dass ein anderes Leben möglich ist. Ihre Erfahrungen sind Bausteine für eine andere Gesellschaft. Und die von ihnen eroberten Territorien haben beträchtliche Ausmaße. In Brasilien haben die Landlosen innerhalb von 27 Jahren 22 Millionen Hektar Land besetzt, eine Fläche von der Größe mehrerer europäischer Länder. Mit den in diesem Buch beschriebenen „Gesellschaften anderer Art“ wird in den nächsten Jahren zu rechnen sein. Zibechis Buch ist ein wichtiger Beitrag zur aktuellen Debatte um Aufstände und Revolution.

1) Raúl Zibechi: Bolivien – Die Zersplitterung der Macht. Edition Nautilus, Hamburg 2009. Siehe Zusammenfassung in der ila 315 und Besprechung in der ila 327

Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands. Eine politische Kartografie der urbanen Peripherien Lateinamerikas, Übersetzung: Kirsten Achtelik und Huberta von Wangenheim, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2011, 176 Seiten, 16,- Euro

Orientierung und Inspiration auf dem Weg zu einer „anderen Welt“
Neuer Sachcomic bietet kurzweiligen Überblick über die zapatistische Bewegung
 von Meikel Friebe und Martin Mäusezahl

Schon fast 18 Jahre ist es her, dass sich am 1. Janaur 1994 tausende meist indigene KleinbäuerInnen in Mexikos südlichstem Bundesstaat Chiapas gegen ihre rassistische Unterdrückung und kapitalistische Ausbeutung erhoben. Doch angesichts der weltweit ausbrechenden Protest- und Aufstandsbewegungen sind die sympathischen Guerilleros mit den Skimasken heute erneut relevanter denn je. Sie waren schließlich eine der ersten, die nach dem (zu) früh ausgerufenen „Sieg des Kapitalismus“ der neoliberalen Globalisierung offen den Kampf ansagten und eine „andere Welt“ für möglich erklärten. Mit dem Sachcomic „Kleine Geschichte des Zapatismus“ haben der Autor Luz Kerkeling und der Comiczeichner Findus jetzt eine kompakte und unterhaltsame Einführung in eine der wichtigsten linken Bewegungen der letzten Jahrzehnte vorgelegt, die Lust auf mehr macht.

In Form einer Info-Veranstaltung werden in lockerer Abfolge eine Vielzahl von Aspekten rund um die Zapatistas auf je ein bis zwei Seiten dargestellt: Wie kam es zum Aufstand und wie verlief dieser? Was hat es mit den autonomen Strukturen der Zapatistas in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Verwaltung auf sich? Was sind die wichtigsten Grundsätze der Bewegung? Wie ist die Lage der Frauen in den zapatistischen Gebieten? Wie funktioniert ihre Basisdemokratie in der Praxis? Warum haben die Zapatistas immer diese Skimasken auf? Und so weiter.

Dabei erklären die Autoren auch, was das Neue und Besondere an der Bewegung ist: Neben dem basisorientierten und undogmatischen Aufbau eigener Strukturen von Unten vor allem die neuartige Kommunikations- und Vernetzungsweise der sogenannten „Medienguerilla“. Wie bei anderen Themen auch wird dies anhand von Beispielen wie „intergalaktischen Treffen“, den Erzählungen von Subcomandante Marcos oder der „Anderen Kampagne“ veranschaulicht. Daneben werden schwerpunktmäßig auch die verschiedenen Formen der Aufstandsbekämpfung durch die politischen und wirtschaftlichen Eliten thematisiert – vom offenen Krieg bis zu ausbeuterischen Megaprojekten.

Nachdem so ein guter Überblick über die zapatistische Bewegung gegeben wurde, kommt es – wie bei einer guten Info-Veranstaltung üblich – am Ende natürlich zur Diskussion zwischen verschiedenen Projektionen und Kritiken bezüglich der Zapatistas – für die LeserInnen ein guter Einstieg in eine kritischen Reflexion von Gelesenem und eigenen Wertungen. Abschließend gibt es dann noch Hinweise auf Informationsquellen wie Webseiten, Literatur und Filme zum Thema.

Die „Kleine Geschichte des Zapatismus“ bietet also einen schnellen und doch enorm breiten Einstieg ins Thema. Luz Kerkeling, ein langjähriger Begleiter und Kenner der Zapatistas, erläutert alles wichtige und wissenswerte in einfacher Sprache. Unterhaltsam und leicht verständlich wird die Lektüre auch durch die Zeichnungen von Findus, der schon für die „Kleine Geschichte des Anarchismus“ verantwortlich ist. Beide Bücher stehen in der Tradition von Sachcomics wie „Marx, Lenin, Trotzki, Kapitalismus etc. für Anfänger“ aus den 1970/80er Jahren. Wobei der Begriff Sachcomic vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist. Die Zeichnungen, die dem einen oder der anderen vielleicht etwas zu niedlich geraten sind, illustrieren vor allem den Text. Trotzdem, mit der Kombination von Text und Zeichnungen gelingt es, komplizierte Zusammenhänge einfach zu erklären und durch die verbildlichte Sprache diejenigen anzusprechen, die sonst eher nicht zu Sachbüchern greifen würden.

Inhaltlich schafft das Buch den schwierigen Spagat zwischen breiter Übersicht über ein komplexes Thema und notwendiger Kürze meist sehr gut. Allerdings versuchen die Autoren an einigen Stellen, zu viele Aspekte und Zusammenhänge auf engem Raum unterzubringen. Dadurch überfrachten sie manchmal die kurzen Texte zu den einzelnen Themen und erklären nicht alle Begrifflichkeiten ausreichend. Aber egal wie man es angeht: Für EinsteigerInnen werden immer offene Fragen bleiben – und das kann ja durchaus Lust auf eine weitere Auseinandersetzung machen.

Diese Lust auf mehr zu wecken, einen (ersten) Überblick zu geben und gleichzeitig auf weitere Informationsquellen hinzuweisen, all das leistet die „Kleine Geschichte des Zapatismus“ insgesamt sehr gut. Menschen mit Interesse
an emanzipatorischen Bewegungen und dem Herz auf der linken Seite bietet es erstmals in deutscher Sprache einen gut zu lesenden und schnellen Einstieg – nicht allein zur Information, sondern wie die Autoren hoffen, auch dazu, selbst aktiv zu werden. Den mutigen Zapatistas und dieser Welt wären viele derart Inspirierte zumindest sehr zu
wünschen.

Findus/Luz Kerkeling, Kleine Geschichte des Zapatismus. Eine schwarz-roter Leitfaden, Unrast-Verlag: Münster 2011, 72 Seiten, 8,90 Euro, ISBN: 978-3-89771-041-2.

Erfrischend nüchterne Analysen
Zwei neue Bücher zu Cuba
von Andreas Hetzer

Wer sich mit Cuba beschäftigt, dem/der wird einiges abverlangt. Nicht nur, dass sie/er sich durch Bücherberge quälen muss, um sich mit der bewegten Geschichte des Landes auseinanderzusetzen, zu der es unzählige Veröffentlichungen und Bildbände in verschiedenen Sprachen gibt. Nein, er/sie muss darüber hinaus in eine Debattenkultur einsteigen, bei der sich die Geister zwischen bedingungslosen BefürworterInnen, teils bewundernden SkeptikerInnen und erbitterten GegnerInnen der cubanischen Revolution scheiden. Es ist nicht einfach, die Polemik und die Schärfe der verbalen Auseinandersetzungen auszuhalten, an denen schon Beziehungen politischer WeggefährtInnen zerbrochen sind. Es bedarf daher etwas Spürsinn, um die politischen Tendenzen von Veröffentlichungen über Cuba herauszulesen und verschiedene Quellen mit unterschiedlichen Fakten abzugleichen. Vielleicht ist es deshalb so erfrischend, dass im Jahr 2011 zwei Publikationen aus der Wissenschaft erschienen sind, die sich des Themas Cuba eher nüchtern annehmen.

Nicholas John Williams' Herangehensweise ist innovativ, weil er sich als Historiker der Methode der Oral History bedient, um die Revolution aus Sicht der TeilnehmerInnen erzählen zu lassen. Im ersten Teil des Buches wird der historische Kontext Cubas seit den 1950er Jahren mit Hilfe der Interviews und hinzugezogener historischer Quellen rekonstruiert. Im zweiten Teil ist eine Auswahl von 16 Interviews abgedruckt, die mit 140 Seiten die Hälfte des Buches einnehmen. Die Erinnerungen der ZeitzeugInnen sind zwangsläufig subjektiv und beleuchten nur bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit. Aber die Anzahl von 32 ZeitzeugInneninterviews aus den Jahren 2007 und 2008 mit Menschen aus unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen und sozioökonomischem Hintergrund, von denen einige zweimal interviewt wurden, machen das Durchstöbern der vergleichsweise kurzen, themenbezogenen Gespräche zu einem spannenden Erlebnis für die LeserInnen, die zu eigenen Interpretationen herausgefordert werden.

Die überwiegend männlichen Befragten stammen größtenteils aus der Gemeinde Las Terrazas, aus Santa Clara und der Provinz Las Tunas sowie aus Havanna. Das Ein-Personen-Projekt bedurfte keiner staatlichen Genehmigung und unterlag keiner behördlichen Kontrolle, so dass regierungsoffizielle Diskurse ebenso wie scharfe Kritik geäußert wurden. Persönliche Motivationen zur Teilnahme an der Revolution, Bildung und sozialistische Sozialisation der Einzelnen, Beschreibungen und persönliche Begegnungen mit den ProtagonistInnen der Revolution, Fehler und Defizite der nachrevolutionären Phase, die Desillusionierung über die politische Realität des Landes oder die anhaltende Begeisterung für die revolutionären Ideale und Ziele werden auf diese Weise wesentlich greifbarer als so manche Darstellung historischer Fakten und Prozesse zu Cuba.

Bereichernd ist dabei, dass verschiedene Generationen zu Wort kommen, darunter aktiv Beteiligte an der Revolution, aber auch Angehörige der zweiten Generation. Dadurch wird ein Generationenbruch in der Sicht auf die Revolution deutlich. Während die ältere Generation das Batista-Regime noch selbst erlebt hat und die sozialistische Gesellschaftsordnung größtenteils unterstützt, wünscht sich die junge Generation die Annehmlichkeiten des Westens und verhält sich weniger loyal zur Regierung. Insgesamt wird aber deutlich, dass die Befragten sich nicht permanent vom Regime gegängelt und unterdrückt fühlen, sondern die cubanische Revolution aus vernünftigen Gründen trotz gewisser Mängel weiterhin unterstützen und dadurch die Stabilität des cubanischen Sozialismus garantieren.

Im Gegensatz zu Williams, der alle Quellen ins Deutsche übertragen hat, belassen die HerausgeberInnen des Sammelbandes von den insgesamt vierzehn Beiträgen fünf in Spanisch und zwei in Englisch. Diese sprachliche Hürde hat damit zu tun, dass der Band auf eine internationale Tagung an der Universität Köln zurückgeht, die von der Fachschaft Regionalwissenschaften Lateinamerika zum siebten Mal organisiert wurde. Folglich richtet sich die Publikation eher an ein wissenschaftliches Publikum, zumal fast alle AutorInnen einen geschichts- und sozialwissenschaftlichen Hintergrund haben und größtenteils promoviert sind. Die Beiträge lassen sich grob in drei Blöcke einteilen: Der historische Part konzentriert sich auf die Revolutionsdekaden 1950 und 1960 und beschäftigt sich mit den parteipolitischen und militärischen Eliten des revolutionären Konsolidierungsprozesses sowie mit dem Wandel des Bildungssystems.

Danach folgen im Block zu Kultur und Gesellschaft völlig diverse Beiträge zur zivilen Kooperation zwischen Cuba und Angola, der Rolle der Frauen in der cubanischen Revolution, zu den gegensätzlichen Strömungen der zeitgenössischen cubanischen Literatur und zur intellektuellen und künstlerischen Reflexion über „Rassendiskriminierung“ in Cuba. Im letzten Teil überwiegen politikwissenschaftliche Fragestellungen zu den bilateralen Beziehungen zwischen der EU und Cuba, zu Wirtschaftspolitik und Außenhandel sowie zur Lage der Menschenrechte oder der Wohnungsbaupolitik der Regierung.

Die Herangehensweise des Sammelbandes ist eine völlig andere als bei Williams' Oral-History-Projekt. Überwiegend externe AnalytikerInnen nähern sich der cubanischen Realität, indem ein Verblassen des Revolutionsmythos attestiert wird und dass strukturelle Probleme der cubanischen Entwicklung den Zuspruch zur cubanischen Revolution v. a. bei der jungen Generation schwinden lassen. Die anfänglichen sozialrevolutionären Umwälzungen (z.B. Bildung, Landwirtschaftssektor) seien spätestens seit den 1990er Jahren in eine Stagnationsphase eingetreten. Zu den größten Herausforderungen des aktuellen Cuba zählen nach Ansicht verschiedener AutorInnen der Mangel an adäquatem Wohnraum, die soziale Schieflage durch finanzielle Ungleichverteilung der Einnahmen aus Tourismus und Auslandsüberweisungen, ein blühender Schwarzmarkt aufgrund stagnierender Wirtschaftsreformen, brachliegende landwirtschaftliche Nutzflächen oder die Verletzung der Menschenrechte.

Nichtsdestotrotz werden in den Beiträgen die immer noch hohen Zustimmungsraten in der Bevölkerung durch die sozialen Errungenschaften erklärt, von denen die Mehrheit der Menschen in anderen lateinamerikanischen Ländern nur träumen kann. Trotz der widrigen Umstände der letzten 50 Jahre, so resümiert Hans-Jürgen Burchardt, hat Cuba bewiesen, dass ein eigenständiger gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Entwicklungskurs möglich ist, der nicht allein an der ökonomischen Effizienz des Regimes zu messen ist. Mit Prognosen halten sich die AutorInnen größtenteils zurück, stattdessen lesen sich die meisten Artikel eher als Retrospektive von Verdiensten und Verwerfungen der spezifischen Entwicklung Cubas. Es bleibt ein ambivalentes Gesamtresümee der cubanischen Revolution zurück.

Das Buch schlägt einen Mittelweg zwischen Verteufelung und affirmativen Jubelgesängen ein und liefert wenig Überraschendes. Es fällt schwer, den roten Faden oder die inhaltliche Klammer der Beiträge zu identifizieren, was ein grundlegendes Merkmal länderspezifischer Sammelbände ist. Es bleibt dem Leser/der Leserin vorbehalten, sich aus dem Mosaik an thematischer Vielfalt ein Gesamtbild zusammen zu setzen oder einfach nur nach persönlichem Interesse ein/zwei Beiträge heraus zu greifen. Die breite inhaltliche Aufstellung ist ein Zugewinn für all diejenigen, die sich mit einer wirtschaftspolitischen Verengung zur Bewertung der cubanischen Revolution nicht zufrieden geben wollen. Auch nach der Lektüre bleibt festzuhalten, dass Cuba immer noch genügend Stoff für kontroverse Debatten bietet. Mal schauen, welche Stimmen sich 2019 zu Wort melden, wenn Cubas Revolution das sechzigjährige Jubiläum begeht.

John Nicholas Williams: Das Gedächtnis Kubas. Die Revolution im Interview, Tectum Verlag, Marburg 2011, 304 Seiten, 29,90 Euro

Eßer, Cristina u.a.(hg.): Kuba. 50 Jahre zwischen Revolution und Reform – und Stillstand? (Lateinamerika im Fokus (Latif), Bd. VII), Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2011, 355 Seiten, 22,00 Euro