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Zapatismus
Kuba
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Recht auf Stadt
Territorien des Widerstands
Lesegenuss pur
Leonardo Paduras Roman
über den Mord an Trotzki
von Klaus Jetz
In allen seinen Romanen erweist sich Leonardo Padura als
Meister der Spannung. Doch der im Frühjahr in deutscher Übersetzung erschienene
Roman über den Trotzki-Mörder, „Der Mann, der Hunde liebte“, ist sein
Meisterwerk. Mehrere Jahre hat er daran gearbeitet, das Thema ließ Padura nicht
mehr los, seit er 1989 Trotzkis Haus im mexikanischen Coyoacán besucht hatte und
vor allem als er erfuhr, dass der Mörder Trotzkis seine letzten Lebensjahre
unerkannt in Havanna verbracht hatte.
Der Roman stellt uns gleich vor mehrere Herausforderungen: Er ist vielschichtig,
historisch komplex, eine politische Abrechnung, kompakt und umfangreich, ein
wahrer Lesemarathon und dennoch so fesselnd, dass man ihn kaum aus der Hand
legen will. Lesegenuss pur.
Mehrere historische Ebenen rollt Padura auf. Erschütternd sind die Passagen, in
denen er die stalinistischen Säuberungen der 1920er und 30er Jahre nicht nur in
der Sowjetunion, sondern auch in Katalonien mitten im spanischen Bürgerkrieg
darstellt. Was er über die Kämpfe innerhalb der republikanischen Reihen
schreibt, besser über den sowjetisch gesteuerten Krieg im Krieg, der sich gegen
Linkssozialisten, Trotzkisten und Anarchisten richtete, gehört mit zum besten,
was je über dieses Thema geschrieben wurde. Weitere Stationen sind das
nazistische Deutschland kurz vor und zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, das
postrevolutionäre Mexiko und das New York der 40er Jahre, dann der Kalte Krieg
und der Prager Frühling sowie das castristische Kuba.
Drei Personen sind die Protagonisten des Romans. Zunächst Trotzki, dessen
Biografie bis in letzte Detail bekannt ist. In zahlreichen Rückblicken werden
immer wieder Trotzkis Taten als Volkskommissar für auswärtige Angelegenheiten
und vor allem als Gründer der Roten Armee aufgerollt. Das Wüten der Roten Armee
in Polen, der Ukraine und die blutige Niederschlagung des Aufstandes der
Kronstädter Matrosen gingen auf Trotzkis Konto. Er war kein Unschuldslamm,
unterschätzte aber Stalin. Und der sorgte 1928 für Trotzkis Verbannung nach Alma
Ata und schließlich für seine Ausweisung.
Detailliert schildert Padura Trotzkis Exil in der Türkei, in Frankreich,
Norwegen und schließlich in Mexiko. Es folgt sein langer Kampf gegen das
Vergessen und gegen seine Tilgung aus der sowjetischen Geschichte, die Stalin
betrieb. Im Exil entstehen Trotzkis Schriften über die Gefahren des
Nationalsozialismus, über den Nationalkommunismus stalinistischer Prägung, über
die Moskauer Prozesse und die Person und den Personenkult Stalins. Der sieht
zunehmend eine Gefahr in seinem ehemaligen Rivalen, für den Diktator in Moskau
ist es bald an der Zeit, Trotzki eliminieren zu lassen.
Stalins Waffe ist der katalanische Kommunist und NKWD-Agent Ramón Mercader, über
den die Geschichtsschreibung nicht viel zu berichten weiß. Er wuchs in
Frankreich auf, wurde 1935 in Spanien als Kommunist verhaftet, nahm am
Bürgerkrieg teil und verschwand schon 1937 in der Sowjetunion. Hier wurde er zu
einem Agenten und Killer ausgebildet. Vor dem Krieg hält er sich in Paris auf,
wo er Kontakte zu einer nordamerikanischen Trotzkistin knüpft, die ihm
schließlich Zugang zu Trotzki ermöglicht. Er versucht dessen Vertrauen zu
gewinnen, was ihm schnell gelingt. Am 20. August 1940 erschlägt er Trotzki mit
einem Eispickel. Für 20 Jahre verschwindet er in einem mexikanischen Gefängnis,
1960 wird Mercader in die Sowjetunion ausgewiesen. Die vier letzten Lebensjahre
von 1974 bis 1978 verbringt Trotzkis Mörder in Kuba. Weiße Flecken in dessen
Biografie, insbesondere über die Zeit im spanischen Bürgerkrieg, in der
Sowjetunion und Kuba füllt Padura mit fiktiven Passagen.
So führt er etwa eine fiktive Gestalt im Roman ein, den jungen kubanischen
Schriftsteller Iván, der für eine Rahmenhandlung sorgt. Iván ist Paduras alter
ego. Er begegnet 1978 an einem abgelegenen Strand in der Nähe von Havanna einem
mysteriösen todkranken Mann mit zwei Hunden. Natürlich handelt es sich um
Mercader, den Stalin bereits 1940 zum Helden der Sowjetunion ernannt und mit dem
Leninorden ausgezeichnet hatte. Von Gewissensbissen geplagt erzählt er ihm alle
Einzelheiten über den Mord an Trotzki.
„Der Mann, der Hunde liebte“ ist ein antistalinistischer Roman, ein Roman über
Fanatismus und politische Verblendung. Padura rechnet ab mit den Auswüchsen des
Bolschewismus, mit der Revolution, die ihre Kinder frisst, mit der
Terrorherrschaft, die eine Utopie zu Grabe trug. Dabei steigert Padura die
Spannung in unerträglicher Weise. Er erzählt nicht linear, sondern nähert sich
nur zögerlich dem großen Finale, dem Mord an Trotzki. Zwei Schritte vor, ein
Schritt zurück, weil Ereignisse und Sachverhalte mal aus der Perspektive
Trotzkis, mal aus der Ramón Mercaders erzählt werden.
Padura schafft Bilder, die uns im Gedächtnis haften bleiben: Trotzkis Verbannung
und Irrfahrt durch Kasachstan, Trotzki in seiner Villa auf einer der
Prinzeninseln im Marmarameer, Mercader auf Parteiversammlungen in Barcelona, wo
ihn sowjetische Agenten im Frühjahr 1937 zum Kampf gegen die linkssozialistische
POUM aufhetzen. So macht der Lesemarathon Spaß, geradezu süchtig. Und es
verwundert nicht, dass bereits über die Verfilmung des Romans verhandelt wird.
Leonardo Padura, Der Mann, der Hunde liebte, Zürich (Unionsverlag) 2011, 732
Seiten, 28,90 Euro
Die Städte denen, die darin leben
Eine spannende Publikation über urbane soziale
Bewegungen in Lateinamerika
von Gert Eisenbürger
Die Grundforderung der bäuerlichen und Landlosenbewegungen in
Lateinamerika lautet „Das Land denen, die es bebauen“. Analog dazu reklamieren
seit einigen Jahren urbane Bewegungen das Recht, ihre Stadt, insbesondere ihr
Stadtviertel mitzugestalten, um den Bewohnern und Bewohnerinnen ein gutes Leben
zu ermöglichen. Das Spektrum und Tätigkeitsfeld dieser städtischen
Sozialbewegungen ist breit. Darunter fallen Initiativen, die sich für
Infrastruktur und kommunale Einrichtungen, wie Wege, öffentliche Plätze, Zugang
zu Trinkwasser oder soziale Einrichtungen einsetzen bzw. entsprechende Projekte
in Eigenregie organisieren ebenso wie Bürger/innen, die sich in den
unterschiedlichen Gremien kommunaler Partizipation engagieren, die in den
letzten Jahren in vielen lateinamerikanischen Ländern geschaffen wurden.
Mit dem Buch „Recht auf Stadt – Gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in
Lateinamerika“ legt das Informationsbüro Nicaragua Wuppertal nun eine
Publikation vor, die die Ansätze und Zielsetzungen der städtischen
Sozialbewegungen in Lateinamerika an ausgewählten Beispielen darstellen und
reflektieren möchte. Grundlage des Buches sind aktuelle Interviews mit
lateinamerikanischen AktivistInnen, die mehrheitlich während einer zweimonatigen
Recherchereise durch Argentinien, Uruguay, Bolivien, Peru, Ecuador und Venezuela
Anfang 2011 entstanden. Dazu kommen Gespräche mit AktivistInnen aus Cuba und
Nicaragua, die bei anderen Gelegenheiten geführt wurden.
Im ersten Teil geht es um kommunale Partizipationsprojekte in Venezuela, Uruguay
und Nicaragua. In den Interviews und erläuternden Texten wird deutlich, dass
Regierungen zwar häufig Dezentralisierung und Einflussmöglichkeiten der
BewohnerInnen der barrios postulieren und entsprechende Organe schaffen,
tatsächliche Mitbestimmung aber den lokalen Behörden oft mühsam abgetrotzt
werden muss. Wenn die Leute Ideen haben und Prioritäten setzen wollen, die von
denen der Stadtverwaltungen abweichen, gibt es Konflikte und es bedarf klar
umrissener Kompetenzen der Partizipationsorgane, damit sie ihre Vorstellungen
durchsetzen können. Gibt es die nicht bzw. werden sie von Behörden ausgehöhlt,
haben die Leute schnell das Gefühl, sie könnten doch nichts bewirken und beenden
ihr Engagement. Interessant ist in diesem Zusammenhang eine Bemerkung des
uruguayischen Aktivisten und langjährigen Funktionärs der Stadtverwaltung von
Montevideo, Walter Cortazzo, dass vor allem die Mittelschichten ihre Interessen
artikulierten, während die Reichen und die Bewohner/innen der Armenviertel sich
deutlich weniger einbrächten.
Ein zentrales Problem vieler Partizipationsmodelle ist der Versuch der
politischen Parteien, Einfluss auf die Mitbestimmungsorgane zu nehmen. Das kann
soweit gehen, dass kommunale Selbstverwaltungsstrukturen für Parteiinteressen
instrumentalisiert und damit letztlich ad absurdum geführt werden, wie im Falle
der von der Regierung Ortega in Nicaragua initiierten CPC (Bürgermachtsräte).
Im zweiten Teil des Buches geht es um drei konkrete Beispiele
gemeinwohlorientierter Selbstorganisation in Lateinamerika, nämlich
Wohnbaukooperativen in Uruguay und Ecuador, Stadtgärten in Cuba und
selbstverwaltete Betriebe in Argentinien. In den Interviews beschreiben die
AktivistInnen ihre jeweiligen Projekte und deren Entwicklungen. Es liegt in der
Natur der Sache, dass sie von ihren Ansätzen überzeugt sind. Probleme und
Rückschläge werden kaum thematisiert. Einzig das Interview zu den Stadtgärten
und kommunaler Gemüseproduktion in Cuba stellt das Projekt sehr differenziert
dar und reflektiert auch kritisch die Schwierigkeiten und Defizite.
Ein eigenständiges Kapitel ist der Auseinandersetzung um die indigene Autonomie
in Bolivien gewidmet. Nach der Verfassung von 2006 können indigene
Gemeinschaften diese beantragen. Damit sind sehr weitgehende
Selbstverwaltungskompetenzen verbunden, die erheblich über die
Partizipationsmodelle in anderen Ländern hinausgehen. Allerdings sind die Hürden
zur Erreichung der indigenen Autonomie sehr hoch. Ob Gemeinschaften/Gemeinden
diese letztendlich erhalten, entscheiden Gerichte nach der Vorlage
entsprechender Unterlagen (Unterschriftenlisten, Ergebnisse von Plebisziten in
den Gemeinschaften, Gutachten). Bisher haben erst elf Munizipien (kommunale
Verwaltungseinheiten) den Status einer autonomen indigenen Gemeinde beantragt.
Im letzten Abschnitt des Buches kommen städtische Sozialaktivisten aus Wuppertal
zu Wort. Sie sprechen über ihre Arbeit und darüber, was sie von den urbanen
Bewegungen Lateinamerikas lernen können. Dabei fällt auf, dass sie sehr
Spannendes über die sozialen Probleme und Widersprüche hierzulande zu berichten
haben und dabei brisante Fragen aufwerfen. Ihre Sichtweise auf Lateinamerika und
die Unterschiede und Gemeinsamkeiten der Stadtteilarbeit hüben und drüben bleibt
dagegen eher blass und teilweise auch etwas schematisch. Ein Beleg mehr dafür,
dass es eine ausgesprochen gute Idee war, das Buch „Recht auf Stadt“ zu
veröffentlichen und die Diskussionen von der anderen Seite des Atlantiks hier
zugänglich zu machen.
Informationsbüro Nicaragua e.V. (Hg.): Recht auf Stadt.
Gemeinwohlorientierte Selbstorganisation in Lateinamerika, mit Beiträgen von:
Klaus Heß, Ina Hilse, Ralf Ohm, Ulla Sparrer, Basta-Gruppe Wuppertal, Nahua
Script 13, Wuppertal 2011, 110 Seiten, 5,- Euro.
Bezug: Informationsbüro Nicaragua, Postfach 10 13 20, 42103 Wuppertal, oder im
Buchhandel
Bausteine für eine neue Welt
Raúl Zibechi über Territorien des Widerstands in den
Armenvierteln der Städte
von Alix Arnold
Vor zwei Jahren erschien die Übersetzung seines Buches über
die Organisierung der Aymara in El Alto: Die Zersplitterung der Macht.1 Nun
liegt „Territorien des Widerstands“ vor, in dem Zibechi quer über den gesamten
Kontinent der Frage nachgeht, wie in den Peripherien der großen Städte
Lateinamerikas autonome Bewegungen entstehen, die in ihrer Selbstorganisierung
Elemente einer anderen Gesellschaft bereits vorwegnehmen. Raúl Zibechi aus
Montevideo ist wohl einer der kreativsten Sozialforscher in Südamerika – mit
eigener Erfahrung als Militanter und Aktivist, mit großer Nähe zu den Bewegungen
und der klaren Überzeugung, dass radikale Veränderung nur von unten kommen kann.
Gegen die übliche Sichtweise, dass in den Slums nichts als Elend und Gewalt
herrschen, versucht er, die Kämpfe und Selbstorganisierung der Marginalisierten
zu entschlüsseln. In Anlehnung an Mike Davis stellt er nicht nur die These auf,
dass Slums der entscheidende geopolitische Schauplatz der Zukunft sind, sondern
dass sie sich bereits in Gebiete verwandelt haben, in denen die Unterklassen zur
Herausforderung für das kapitalistische System und zur Gegenmacht geworden sind.
Seit dem Caracazo, dem Aufstand in Venezuela 1989 ist der Widerstand in eine
neue Phase von offenen Revolten getreten – u.a. in Quito, Lima, Cochabamba,
Buenos Aires, Arequipa, La Paz und Oaxaca. Die ProtagonistInnen kamen aus den
Armenvierteln. Folge dieser Bewegungen sind Linksregierungen, die in
Lateinamerika seit 1999 in mehreren Ländern die Staatsgeschäfte übernommen
haben. Im zweiten Teil des Buches zeigt Zibechi an prägnanten Beispielen auf,
wie Linksregierungen und NRO die Bewegungen teilweise wieder ausgebremst haben.
Vor hundert Jahren waren die Städte der Ort der herrschenden Klasse und der
Mittelschichten. Heute sind sie von den Unterklassen umzingelt. An den Rändern
der Großstädte ist eine Welt entstanden, die ihrer eigenen Logik folgt. Da es
hier keine ausgearbeiteten Strategien oder politischen Programme gibt, lässt
sich das „historische Projekt“ der Marginalisierten nur im Nachhinein
erschließen, indem über einen langen Zeitraum die untergründigen Prozesse hinter
den Aktionen untersucht werden. Bei der Analyse „Sozialer Bewegungen“ werden in
der Regel eher formale Aspekte berücksichtigt wie Organisations- und
Mobilisierungsformen, Herkunft der Mitglieder usw. Der Begriff verstellt den
Blick auf die Realität in den Armenvierteln. Zibechi spricht deshalb lieber von
„Gesellschaften in Bewegung“ oder „Gesellschaften anderer Art“ (Sociedades otras),
um darauf hinzuweisen, dass am Rande der alten bereits eine neue
Gesellschaftlichkeit entsteht.
Er beginnt seine Schilderung der selbstverwalteten Armenviertel mit der
Rekonstruktion einer Besetzung in Santiago de Chile 1957. Dort nahmen sich 1200
Familien ein 55 Hektar großes Gelände und bauten ihre Siedlung La Victoria.
Gleich in der ersten Nacht hielten sie eine Versammlung ab und bildeten
Kommissionen, die sich um Bewachung, Subsistenzproduktion und Gesundheit kümmern
sollten. Alles wurde im Eigenbau errichtet. Als erste öffentliche Gebäude
entstanden ein Gesundheitszentrum und eine Schule, für die jeder Siedler 15
Ziegel beisteuerte. Lehrer unterrichteten kostenlos. Nach zwei Jahren lebten in
La Victoria 18 000 Menschen in etwas mehr als 3000 Häusern. Dies war vielleicht
die erste organisierte Besetzung in Lateinamerika. Das Modell wurde seitdem
immer wieder aufgegriffen, zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern.
Ende 1972 lebten allein in Santiago 400 000 Personen – fast ein Drittel der
Bevölkerung – in solchen Siedlungen. Ähnliche Zahlen wurden in dieser Zeit für
andere Großstädte erhoben: Recife (50 Prozent), Río de Janeiro (30), Bogotá
(60), Guayaquil (49), Caracas und Lima (40).
In La Victoria zeigen sich bereits die Elemente von Selbstorganisation, die das
eigene Projekt der Armenviertel ausmachen. Die Besetzung bricht mit dem
Eigentumsprinzip und der Logik der Institutionen. Mit der Aktion verwandeln sich
die Ausgeschlossenen in ein soziales und politisches Subjekt. Sie stellen keine
Forderungen und lassen sich nicht von Parteien oder Gewerkschaften
repräsentieren. Dabei nimmt das „Selbst“ (Selbstbau, Selbstregierung) den Platz
der Repräsentation ein. Schon bei diesem Sprung nach vorne spielten Frauen die
Hauptrolle – so wie sie Jahre später zu den Hauptakteurinnen der horizontal
organisierten Basisbewegungen werden sollten. Dies bringt eine andere
Rationalität und eine andere Kultur mit sich, in der Beziehungen wichtiger sind
als Dinge und der Gebrauchswert gegenüber dem Tauschwert in den Vordergrund
tritt. In ihren eroberten Territorien entwickeln die Armen neue Fähigkeiten. Sie
überleben nicht mehr nur von den Resten, sondern beginnen selbst zu produzieren
– ohne Chefs und teilweise jenseits des Marktes. Dabei knüpfen sie an indigene
Traditionen gemeinschaftlicher Arbeit an. Als Beispiel beschreibt Zibechi die
teils subventionierten, teils völlig selbstverwalteten Suppenküchen in Lima, die
auf Anregung von Befreiungstheologen gegründet wurden. 2003 gab es fast 5000
solcher Küchen, die täglich eine halbe Million Essensportionen produzieren, von
denen nur ein kleiner Teil verkauft wird. Arbeiten für Bekannte statt für den
Markt – so dehnt sich die Logik der familiären Fürsorge auf den öffentlichen
Raum aus, und es entsteht eine parallele Ökonomie, die mehr ist als eine
informelle: Sie schafft als Protestökonomie die Möglichkeit, von dem eigenen
Territorium aus dem System zu trotzen.
Einige Beispiele, die Zibechi für nicht-marktförmiges Produzieren anführt,
wirken etwas überinterpretiert. Die selbstverwalteten Viertel sind keine
autarken Inseln, und das wäre wohl auch kaum wünschenswert für eine Perspektive
von Befreiung und gutem Leben für alle. Für die Frage der Umwälzung der
Gesamtgesellschaft wäre genau die Verbindung zu den Kämpfen innerhalb der
Lohnarbeit wichtig, die aber bei Zibechi gar nicht vorkommt (siehe den Artikel
„Industriestandort El Alto“, ila 327, der auf einen ähnlichen blinden Fleck in
der „Zersplitterung der Macht“ hinweist). Die Ausgeschlossenen haben gezeigt,
dass sie in der Lage sind, auf der Straße eine enorme Macht zu entfalten und
Regierungen zu stürzen. Solange aber neben dem Aufstand die kapitalistische
Produktion weiter funktioniert, ist das Kapitalverhältnis noch nicht wirklich in
Gefahr. Zibechi geht es darum, auf die Existenz und Stärken der „anderen
Gesellschaften“ hinzuweisen, die vom Kapital mehr oder weniger abgekoppelt sind.
Und im Rückblick stellt er den Zusammenhang zur Lohnarbeit sehr wohl her: Er
verweist darauf, dass die Schiffbrüchigen des Systems keine passiven Opfer sind,
da die ArbeiterInnen den Schiffbruch selbst provoziert haben. In Kämpfen wie dem
Cordobazo (siehe ila 325) haben sie die entfremdete Arbeit infrage gestellt. Sie
sind vom Schiff des Arbeit-Kapital-Verhältnisses geflohen, und auf den Trümmern
dieses Schiffes beginnen ihre Kinder nun, etwas Neues aufzubauen. Wie deren
Kämpfe mit denen derjenigen zusammenkommen können, die noch auf den letzten
Galeeren arbeiten, wird eine praktische Frage für uns alle sein.
Die Selbstorganisierung der Armen wird von den Herrschenden durchaus als
Bedrohung wahrgenommen und bekämpft. Nach dem Pinochet-Putsch in Chile 1973
wurden die selbstgebauten Campamentos zerstört, und die Umsiedlung von Menschen
aus selbstorganisierten Siedlungen ging danach in der Demokratie weiter. In den
Aufständen seit 1989 wurde klar, dass Repression und Ausnahmezustand nicht mehr
ausreichen, die Armen in Schach zu halten. Ein Kapitel des Buches beschäftigt
sich mit der „Kunst, die Bewegungen zu regieren“. Während in den Anden eher auf
Entwicklungszusammenarbeit gesetzt wird, um die Bewegungen zu vereinnahmen,
betreiben Argentinien und Uruguay eine Armutspolitik, die gezielt in die
Territorien der Marginalisierten interveniert. Am Beispiel von Ecuador wird der
zersetzende Einfluss von NRO ausführlich dargestellt: Sie fördern die
klientelistische Logik und erzeugen eine Schicht von Anführer-Funktionären, die
sich nicht mehr durch Militanz auszeichnen, sondern vor allem durch die
Fähigkeit, Gelder zu akquirieren. Diese Technokraten bereiten den Weg für die
Integration der Bewegung in staatliche Institutionen.
In Uruguay wurde unter der Regierung der Frente Amplio ein Programm für arme
Stadtteile aufgelegt, bei dem lokale Institutionen, Vereine und Bevölkerung bei
der Verteilung von Mitteln mitreden dürfen (SOCAT). Am Beispiel des Stadtteils
Barros Blancos, in dem vor allem Familien wohnen, die sich nach
Fabrikschließungen und Arbeitslosigkeit die Wohnungen im Zentrum Montevideos
nicht mehr leisten können, werden die Auswirkungen beschrieben. Indem der Staat
an Methoden und Verhaltensweisen der Bewegungen anknüpft, verschafft er sich
eine neue Legitimität. Linksregierungen sind wesentlich besser als andere in der
Lage, die Bewegungen zu entwaffnen und ihres antikapitalistischen Charakters zu
berauben.
Die „Gesellschaften in Bewegung“, die den Linksregierungen in Lateinamerika auf
ihre Posten verholfen haben, sind heute in der Defensive. Aber mit ihren
Versuchen, nicht-kapitalistische Beziehungen aufzubauen, zeigen sie, dass ein
anderes Leben möglich ist. Ihre Erfahrungen sind Bausteine für eine andere
Gesellschaft. Und die von ihnen eroberten Territorien haben beträchtliche
Ausmaße. In Brasilien haben die Landlosen innerhalb von 27 Jahren 22 Millionen
Hektar Land besetzt, eine Fläche von der Größe mehrerer europäischer Länder. Mit
den in diesem Buch beschriebenen „Gesellschaften anderer Art“ wird in den
nächsten Jahren zu rechnen sein. Zibechis Buch ist ein wichtiger Beitrag zur
aktuellen Debatte um Aufstände und Revolution.
1) Raúl Zibechi: Bolivien – Die Zersplitterung der Macht.
Edition Nautilus, Hamburg 2009. Siehe Zusammenfassung in der
ila 315
und Besprechung in der
ila 327
Raúl Zibechi: Territorien des Widerstands. Eine politische Kartografie der
urbanen Peripherien Lateinamerikas, Übersetzung: Kirsten Achtelik und Huberta
von Wangenheim, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2011, 176 Seiten, 16,- Euro
Orientierung und Inspiration auf
dem Weg zu einer „anderen Welt“
Neuer Sachcomic bietet kurzweiligen Überblick über die
zapatistische Bewegung
von Meikel Friebe und Martin Mäusezahl
Schon fast 18 Jahre ist es her, dass sich am 1. Janaur 1994
tausende meist indigene KleinbäuerInnen in Mexikos südlichstem Bundesstaat
Chiapas gegen ihre rassistische Unterdrückung und kapitalistische Ausbeutung
erhoben. Doch angesichts der weltweit ausbrechenden Protest- und
Aufstandsbewegungen sind die sympathischen Guerilleros mit den Skimasken heute
erneut relevanter denn je. Sie waren schließlich eine der ersten, die nach dem
(zu) früh ausgerufenen „Sieg des Kapitalismus“ der neoliberalen Globalisierung
offen den Kampf ansagten und eine „andere Welt“ für möglich erklärten. Mit dem
Sachcomic „Kleine Geschichte des Zapatismus“ haben der Autor Luz Kerkeling und
der Comiczeichner Findus jetzt eine kompakte und unterhaltsame Einführung in
eine der wichtigsten linken Bewegungen der letzten Jahrzehnte vorgelegt, die
Lust auf mehr macht.
In Form einer Info-Veranstaltung werden in lockerer Abfolge eine Vielzahl von
Aspekten rund um die Zapatistas auf je ein bis zwei Seiten dargestellt: Wie kam
es zum Aufstand und wie verlief dieser? Was hat es mit den autonomen Strukturen
der Zapatistas in den Bereichen Bildung, Gesundheit und Verwaltung auf sich? Was
sind die wichtigsten Grundsätze der Bewegung? Wie ist die Lage der Frauen in den
zapatistischen Gebieten? Wie funktioniert ihre Basisdemokratie in der Praxis?
Warum haben die Zapatistas immer diese Skimasken auf? Und so weiter.
Dabei erklären die Autoren auch, was das Neue und Besondere an der Bewegung ist:
Neben dem basisorientierten und undogmatischen Aufbau eigener Strukturen von
Unten vor allem die neuartige Kommunikations- und Vernetzungsweise der
sogenannten „Medienguerilla“. Wie bei anderen Themen auch wird dies anhand von
Beispielen wie „intergalaktischen Treffen“, den Erzählungen von Subcomandante
Marcos oder der „Anderen Kampagne“ veranschaulicht. Daneben werden
schwerpunktmäßig auch die verschiedenen Formen der Aufstandsbekämpfung durch die
politischen und wirtschaftlichen Eliten thematisiert – vom offenen Krieg bis zu
ausbeuterischen Megaprojekten.
Nachdem so ein guter Überblick über die zapatistische Bewegung gegeben wurde,
kommt es – wie bei einer guten Info-Veranstaltung üblich – am Ende natürlich zur
Diskussion zwischen verschiedenen Projektionen und Kritiken bezüglich der
Zapatistas – für die LeserInnen ein guter Einstieg in eine kritischen Reflexion
von Gelesenem und eigenen Wertungen. Abschließend gibt es dann noch Hinweise auf
Informationsquellen wie Webseiten, Literatur und Filme zum Thema.
Die „Kleine Geschichte des Zapatismus“ bietet also einen schnellen und doch
enorm breiten Einstieg ins Thema. Luz Kerkeling, ein langjähriger Begleiter und
Kenner der Zapatistas, erläutert alles wichtige und wissenswerte in einfacher
Sprache. Unterhaltsam und leicht verständlich wird die Lektüre auch durch die
Zeichnungen von Findus, der schon für die „Kleine Geschichte des Anarchismus“
verantwortlich ist. Beide Bücher stehen in der Tradition von Sachcomics wie
„Marx, Lenin, Trotzki, Kapitalismus etc. für Anfänger“ aus den 1970/80er Jahren.
Wobei der Begriff Sachcomic vielleicht etwas zu hoch gegriffen ist. Die
Zeichnungen, die dem einen oder der anderen vielleicht etwas zu niedlich geraten
sind, illustrieren vor allem den Text. Trotzdem, mit der Kombination von Text
und Zeichnungen gelingt es, komplizierte Zusammenhänge einfach zu erklären und
durch die verbildlichte Sprache diejenigen anzusprechen, die sonst eher nicht zu
Sachbüchern greifen würden.
Inhaltlich schafft das Buch den schwierigen Spagat zwischen breiter Übersicht
über ein komplexes Thema und notwendiger Kürze meist sehr gut. Allerdings
versuchen die Autoren an einigen Stellen, zu viele Aspekte und Zusammenhänge auf
engem Raum unterzubringen. Dadurch überfrachten sie manchmal die kurzen Texte zu
den einzelnen Themen und erklären nicht alle Begrifflichkeiten ausreichend. Aber
egal wie man es angeht: Für EinsteigerInnen werden immer offene Fragen bleiben –
und das kann ja durchaus Lust auf eine weitere Auseinandersetzung machen.
Diese Lust auf mehr zu wecken, einen (ersten) Überblick zu geben und
gleichzeitig auf weitere Informationsquellen hinzuweisen, all das leistet die
„Kleine Geschichte des Zapatismus“ insgesamt sehr gut. Menschen mit Interesse
an emanzipatorischen Bewegungen und dem Herz auf der linken Seite bietet es
erstmals in deutscher Sprache einen gut zu lesenden und schnellen Einstieg –
nicht allein zur Information, sondern wie die Autoren hoffen, auch dazu, selbst
aktiv zu werden. Den mutigen Zapatistas und dieser Welt wären viele derart
Inspirierte zumindest sehr zu
wünschen.
Findus/Luz Kerkeling, Kleine Geschichte des Zapatismus.
Eine schwarz-roter Leitfaden, Unrast-Verlag: Münster 2011, 72 Seiten, 8,90 Euro,
ISBN: 978-3-89771-041-2.
Erfrischend nüchterne Analysen
Zwei neue Bücher zu Cuba
von Andreas Hetzer
Wer sich mit Cuba beschäftigt, dem/der wird einiges
abverlangt. Nicht nur, dass sie/er sich durch Bücherberge quälen muss, um sich
mit der bewegten Geschichte des Landes auseinanderzusetzen, zu der es unzählige
Veröffentlichungen und Bildbände in verschiedenen Sprachen gibt. Nein, er/sie
muss darüber hinaus in eine Debattenkultur einsteigen, bei der sich die Geister
zwischen bedingungslosen BefürworterInnen, teils bewundernden SkeptikerInnen und
erbitterten GegnerInnen der cubanischen Revolution scheiden. Es ist nicht
einfach, die Polemik und die Schärfe der verbalen Auseinandersetzungen
auszuhalten, an denen schon Beziehungen politischer WeggefährtInnen zerbrochen
sind. Es bedarf daher etwas Spürsinn, um die politischen Tendenzen von
Veröffentlichungen über Cuba herauszulesen und verschiedene Quellen mit
unterschiedlichen Fakten abzugleichen. Vielleicht ist es deshalb so erfrischend,
dass im Jahr 2011 zwei Publikationen aus der Wissenschaft erschienen sind, die
sich des Themas Cuba eher nüchtern annehmen.
Nicholas John Williams' Herangehensweise ist innovativ, weil
er sich als Historiker der Methode der Oral History bedient, um die Revolution
aus Sicht der TeilnehmerInnen erzählen zu lassen. Im ersten Teil des Buches wird
der historische Kontext Cubas seit den 1950er Jahren mit Hilfe der Interviews
und hinzugezogener historischer Quellen rekonstruiert. Im zweiten Teil ist eine
Auswahl von 16 Interviews abgedruckt, die mit 140 Seiten die Hälfte des Buches
einnehmen. Die Erinnerungen der ZeitzeugInnen sind zwangsläufig subjektiv und
beleuchten nur bestimmte Ausschnitte der Wirklichkeit. Aber die Anzahl von 32
ZeitzeugInneninterviews aus den Jahren 2007 und 2008 mit Menschen aus
unterschiedlichsten Lebenszusammenhängen und sozioökonomischem Hintergrund, von
denen einige zweimal interviewt wurden, machen das Durchstöbern der
vergleichsweise kurzen, themenbezogenen Gespräche zu einem spannenden Erlebnis
für die LeserInnen, die zu eigenen Interpretationen herausgefordert werden.
Die überwiegend männlichen Befragten stammen größtenteils aus der Gemeinde Las
Terrazas, aus Santa Clara und der Provinz Las Tunas sowie aus Havanna. Das
Ein-Personen-Projekt bedurfte keiner staatlichen Genehmigung und unterlag keiner
behördlichen Kontrolle, so dass regierungsoffizielle Diskurse ebenso wie scharfe
Kritik geäußert wurden. Persönliche Motivationen zur Teilnahme an der
Revolution, Bildung und sozialistische Sozialisation der Einzelnen,
Beschreibungen und persönliche Begegnungen mit den ProtagonistInnen der
Revolution, Fehler und Defizite der nachrevolutionären Phase, die
Desillusionierung über die politische Realität des Landes oder die anhaltende
Begeisterung für die revolutionären Ideale und Ziele werden auf diese Weise
wesentlich greifbarer als so manche Darstellung historischer Fakten und Prozesse
zu Cuba.
Bereichernd ist dabei, dass verschiedene Generationen zu Wort kommen, darunter
aktiv Beteiligte an der Revolution, aber auch Angehörige der zweiten Generation.
Dadurch wird ein Generationenbruch in der Sicht auf die Revolution deutlich.
Während die ältere Generation das Batista-Regime noch selbst erlebt hat und die
sozialistische Gesellschaftsordnung größtenteils unterstützt, wünscht sich die
junge Generation die Annehmlichkeiten des Westens und verhält sich weniger loyal
zur Regierung. Insgesamt wird aber deutlich, dass die Befragten sich nicht
permanent vom Regime gegängelt und unterdrückt fühlen, sondern die cubanische
Revolution aus vernünftigen Gründen trotz gewisser Mängel weiterhin unterstützen
und dadurch die Stabilität des cubanischen Sozialismus garantieren.
Im Gegensatz zu Williams, der alle Quellen ins Deutsche übertragen hat, belassen
die HerausgeberInnen des Sammelbandes von den insgesamt vierzehn Beiträgen fünf
in Spanisch und zwei in Englisch. Diese sprachliche Hürde hat damit zu tun, dass
der Band auf eine internationale Tagung an der Universität Köln zurückgeht, die
von der Fachschaft Regionalwissenschaften Lateinamerika zum siebten Mal
organisiert wurde. Folglich richtet sich die Publikation eher an ein
wissenschaftliches Publikum, zumal fast alle AutorInnen einen geschichts- und
sozialwissenschaftlichen Hintergrund haben und größtenteils promoviert sind. Die
Beiträge lassen sich grob in drei Blöcke einteilen: Der historische Part
konzentriert sich auf die Revolutionsdekaden 1950 und 1960 und beschäftigt sich
mit den parteipolitischen und militärischen Eliten des revolutionären
Konsolidierungsprozesses sowie mit dem Wandel des Bildungssystems.
Danach folgen im Block zu Kultur und Gesellschaft völlig diverse Beiträge zur
zivilen Kooperation zwischen Cuba und Angola, der Rolle der Frauen in der
cubanischen Revolution, zu den gegensätzlichen Strömungen der zeitgenössischen
cubanischen Literatur und zur intellektuellen und künstlerischen Reflexion über
„Rassendiskriminierung“ in Cuba. Im letzten Teil überwiegen
politikwissenschaftliche Fragestellungen zu den bilateralen Beziehungen zwischen
der EU und Cuba, zu Wirtschaftspolitik und Außenhandel sowie zur Lage der
Menschenrechte oder der Wohnungsbaupolitik der Regierung.
Die Herangehensweise des Sammelbandes ist eine völlig andere als bei Williams'
Oral-History-Projekt. Überwiegend externe AnalytikerInnen nähern sich der
cubanischen Realität, indem ein Verblassen des Revolutionsmythos attestiert wird
und dass strukturelle Probleme der cubanischen Entwicklung den Zuspruch zur
cubanischen Revolution v. a. bei der jungen Generation schwinden lassen. Die
anfänglichen sozialrevolutionären Umwälzungen (z.B. Bildung,
Landwirtschaftssektor) seien spätestens seit den 1990er Jahren in eine
Stagnationsphase eingetreten. Zu den größten Herausforderungen des aktuellen
Cuba zählen nach Ansicht verschiedener AutorInnen der Mangel an adäquatem
Wohnraum, die soziale Schieflage durch finanzielle Ungleichverteilung der
Einnahmen aus Tourismus und Auslandsüberweisungen, ein blühender Schwarzmarkt
aufgrund stagnierender Wirtschaftsreformen, brachliegende landwirtschaftliche
Nutzflächen oder die Verletzung der Menschenrechte.
Nichtsdestotrotz werden in den Beiträgen die immer noch hohen Zustimmungsraten
in der Bevölkerung durch die sozialen Errungenschaften erklärt, von denen die
Mehrheit der Menschen in anderen lateinamerikanischen Ländern nur träumen kann.
Trotz der widrigen Umstände der letzten 50 Jahre, so resümiert Hans-Jürgen
Burchardt, hat Cuba bewiesen, dass ein eigenständiger gesellschaftlicher und
wirtschaftlicher Entwicklungskurs möglich ist, der nicht allein an der
ökonomischen Effizienz des Regimes zu messen ist. Mit Prognosen halten sich die
AutorInnen größtenteils zurück, stattdessen lesen sich die meisten Artikel eher
als Retrospektive von Verdiensten und Verwerfungen der spezifischen Entwicklung
Cubas. Es bleibt ein ambivalentes Gesamtresümee der cubanischen Revolution
zurück.
Das Buch schlägt einen Mittelweg zwischen Verteufelung und affirmativen
Jubelgesängen ein und liefert wenig Überraschendes. Es fällt schwer, den roten
Faden oder die inhaltliche Klammer der Beiträge zu identifizieren, was ein
grundlegendes Merkmal länderspezifischer Sammelbände ist. Es bleibt dem
Leser/der Leserin vorbehalten, sich aus dem Mosaik an thematischer Vielfalt ein
Gesamtbild zusammen zu setzen oder einfach nur nach persönlichem Interesse
ein/zwei Beiträge heraus zu greifen. Die breite inhaltliche Aufstellung ist ein
Zugewinn für all diejenigen, die sich mit einer wirtschaftspolitischen Verengung
zur Bewertung der cubanischen Revolution nicht zufrieden geben wollen. Auch nach
der Lektüre bleibt festzuhalten, dass Cuba immer noch genügend Stoff für
kontroverse Debatten bietet. Mal schauen, welche Stimmen sich 2019 zu Wort
melden, wenn Cubas Revolution das sechzigjährige Jubiläum begeht.
John Nicholas Williams: Das Gedächtnis Kubas. Die
Revolution im Interview, Tectum Verlag, Marburg 2011, 304 Seiten, 29,90 Euro
Eßer, Cristina u.a.(hg.): Kuba. 50 Jahre zwischen
Revolution und Reform – und Stillstand? (Lateinamerika im Fokus (Latif), Bd.
VII), Wissenschaftlicher Verlag, Berlin 2011, 355 Seiten, 22,00 Euro |