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Mit der EZLN nach Mexico-Stadt

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Rede von Comandanta Esther
 vor dem mexicanischen Kongress am 28 März 2001

Verehrter Kongress, meine Damen und Herren Mitglieder des Ausschusses für Politische Koordination der Abgeordnetenkammer, meine Damen und Herren Mitglieder der beiden Ausschüsse für Verfassungsfragen und Indigene Angelegenheiten der Abgeordnetenkammer, meine Damen und Herren Mitglieder der Ausschüsse für Verfassungsfragen, Indigene Angelegenheiten und Gesetzgebungsfragen des Senates, meine Damen und Herren Mitglieder der Kommission für Versöhnung und Frieden (COCOPA), meine Damen und Herren Abgeordnete, Senatoren und Senatorinnen, Brüder und Schwestern des Nationalen Indigenen Kongresses, Brüder und Schwestern aller indigenen Völker Mexikos, Brüder und Schwestern aus anderen Ländern, Menschen von Mexiko:

Durch meine Stimme spricht die Stimme der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung. Die Worte, die durch diese Stimme zu Ihnen gelangen, enthalten Klage und Aufschrei. Aber unsere Worte sind auch voller Respekt für dieses Hohe Haus und für all jene Männer und Frauen,die uns anhören.

Sie werden von uns weder Beleidigungen noch Grobheiten erfahren. Wir werden nicht so verfahren wie derjenige, der es am 1. Dezember 2000 in diesem Hause am gebührenden Respekt für die Legislative hat fehlen lassen,1 Die Worte, die wir hier vortragen, sind wahrhaftig.

Wir sind nicht gekommen, um irgendjemanden zu erniedrigen. Wir sind nicht gekommen, um irgendjemanden zu besiegen.Wir sind nicht gekommen, um uns an irgendjemandes Stelle zu setzen. Wir sind nicht gekommen, um zu regieren. Wir sind gekommen, damit Sie uns zuhören könnnen und wir Ihnen zuhören können. Wir sind gekommen, um in einen Dialog zu treten.

Wir wissen, dass unsere Anwesenheit in diesem Hohen Haus zu erbitterten Diskussionen und Konfrontationen geführt hat. Einige gingen davon aus, dass wir diese Gelegenheit ausnutzen würden, um zu beleidigen oder langanstehende Rechnungen zu begleichen, und dass dies alles Teil einer Strategie sei, um öffentliche Popularität zu gewinnen. Diejenigen, die so dachten, sind heute nicht hier. Andere aber setzten auf unser Wort zählten und vertrauten darauf. Sie waren es, die uns die Tür zum Dialog geöffnet haben. Es sind diejenigen, die heute hier im Saale sind.

Wir sind Zapatistas.

Wir werden das Vertrauen und den Glauben, die viele in diesem Parlament und unter den Menschen von Mexico unseren Wort schenken, nicht verraten.

Diejenigen, die darauf gesetzt haben, unseren respektvollen Worten aufmerksam zuzuhören, haben gewonnen. Diejenigen aber, die es vorzogen, die Türen zum Dialog zu aus Angst vor Konfrontation schliessen, haben verloren.

Denn wir Zapatistas haben Worte der Wahrheit und des Respekts mitgebracht.

Einige mögen erwartet haben, dass diese Tribüne von Subcomandante Marcos besetzt würde und dass er die Hauptrede der Zapatisten hielte. Sie können jetzt sehen, dass es nicht so ist. 
Subcomandante Insurgente Marcos ist genau das, was der Name sagt: ein Subcomandante.

Wir sind die Comandantes. Wie sind diejenigen, die gemeinsam befehlen und unsere(n) Gemeinden gehorchend regieren. Wir gaben dem Sup und jenen, die seine Hoffnung und Träume teilen, den Auftrag, uns in dieses Hohe Haus zu bringen. Sie, unsere Kämpfer und Kämpferinnen, erfüllten diesen Auftrag, dank der Unterstützung durch die breite Mobilisierung in Mexico und in der ganzen Welt.

Dies nun ist unsere Stunde.

Der Respekt, den wir dem Kongress des Landes entbieten, gründet sich auf seine Bedeutung, aber er bezieht sich auch auf seine Form. Deswegen befindet sich der militärische Anführer einer Rebellenarmee nicht in diesem Saal. Statt dessen sind diejenigen gekommen, die den zivilen Teil der EZLN repräsentieren: wir sind die politische und organisatorische Führung einer legitimen, ehrlichen, und konsistenten Bewegung, die zudem einen legalen Status hat aufgrund des Gesetzes für Dialog, Versöhnung und einen würdigen Frieden in Chiapas. Damit demonstrieren wir, dass wir nicht daran interessiert sind, bei irgendwem Groll und Misstrauen zu provozieren.

Und so befinde ich mich hier, eine indigene Frau.

Niemand wird irgendein Grund haben, sich angegriffen, erniedrigt oder herabgesetzt zu fühlen, wenn ich heute diese Tribüne betrete und spreche. Diejenigen, die jetzt nicht hier sind, wissen bereits, dass sie sich weigerten, dem zuzuhören, was eine indigene Frau ihnen sagen würde, und dass sie sich weigerten, das Wort zu ergreifen, damit ich ihnen zuhören könnte.

Mein Name ist Esther, aber das ist jetzt nicht wichtig.

Ich bin eine Zapatista, aber auch das ist in diesem Augenblick nicht wichtig.

Ich bin eine Indígena und ich bin eine Frau, und das ist das einzige, was jetzt wichtig ist.

Dieses Hohe Haus ist ein Symbol. Deshalb ging unserem Auftritt soviel Polemik voraus. Deshalb wollten wir hier sprechen, und gerade deshalb wollten uns einige nicht hier haben. Und es ist auch ein Symbol, dass ich es bin, eine arme, indigene und zapatistische Frau, die als erste das Wort ergreift und die Hauptrede der ZapastistInnen hält.

Vor wenigen Tagen fand an dieser Stelle eine sehr hitzige Diskussion statt, und in einer sehr knappen Wahl gewann die Position der Mehrheit. Diejenigen, die anders dachten und dementsprechend handelten, landeten nicht im Gefängnis, noch werden sie verfolgt, geschweige denn getötet.

Hier in diesem Kongress existieren tiefgreifende Meinungsunterschiede, teils sogar gegensätzliche Auffassungen, und diese Unterschiede werden respektiert. Trotz dieser Unterschiede aber zerfällt der Kongress nicht, er wird nicht balkanisiert, er bricht nicht in viele kleine Kongresse auseinander, vielmehr setzt er sich - genau wegen dieser Unterschiede - seine eigenen Regeln. Auf diese Weise bleibt die Einheit bestehen, ohne die Verschiedenheit jedes/r einzelneN aufzugeben. Und damit bleibt auch beständig die Chance, im gegenseitigen Einverständnis voranzukommen.

Genau so stellen wir uns das Land vor, das wir ZapatistInnen wollen. Ein Land, in dem Unterschiede anerkannt und respektiert werden. Ein Land, in dem es anders zu sein und anders zu denken kein Grund ist, ins Gefängnis geschickt, verfolgt, oder umgebracht zu werden.

Hier in diesem Parlamentsgebäude, sind sieben Sitze leergeblieben. Es sind die Sitze der sieben Indígenas, die nicht bei uns sein können. Und sie können nicht hier bei uns sein, weil die Unterschiede, die uns Indígenas zu Indígenas machen, weder anerkannt noch respektiert werden. Von den sieben, die abwesend sind, starb einer während der ersten Tage im Januar 1994, zwei wurden verhaftet, weil sie Widerstand gegen das Abholzen von Bäumen geleistet haben, zwei andere befinden sich im Gefängnis, weil sie die Fischerei zum Lebensunterhalt verteidigt und sich Piratenfischern widersetzt haben, und die letzten zwei werden aus demselben Grund per Haftbefehl gesucht. Als Indígenas kämpften die Sieben für ihre Rechte. Und die Anwort, die sie als Indígenas erhielten, bestand in Tod, Gefängnis und Verfolgung.

In diesem Kongress gibt es verschiedene politische Kräfte, und in jeder von ihnen kann man sich völlig autonom zusammenschliessen und arbeiten. Die Art und Weise, wie diese Kräfte Vereinbarungen erzielen, wie auch die Regeln ihrer internen Zusammenarbeit Koexistenz kann man wertschätzen oder mißbilligen, auf jeden Fall aber werden sie respektiert, und niemand wird verfolgt, weil er oder sie zu der einen oder anderen parlamentarischen Fraktion gehört, weil er oder sie zur Rechten, zur Mitte oder zur Linken zählt. Wenn es nötig ist, tun sich alle zusammen und beschliessen gemeinsam das, was sie für das Land als für richtig erachten. Wenn es nicht zu einer Einigung kommt, dann bestimmt die Mehrheit, und die Minderheit akzeptiert dies und handelt gemäß dem Mehrheitsbeschluss. Die Abgeordneten gehören einer politischen Partei an, einer bestimmten ideologischen Richtung, und gleichzeitig wirken sie als Abgeordnete aller mexikanischen Männer und Frauen, ungeachtet ihrer Parteienzugehörigkeit oder ihrer politischen Ideen.

Genau so stellen wir uns das Mexiko vor, das wir Zapatisten wollen.

Ein Land, in dem wir Indígenas Indigenas und Mexikaner sind, ein Land, in dem die Achtung vor dem Andersein und die Achtung für das, was uns zu Gleichen macht, sich einander die Waage halten. Ein Land, in dem Anderssein kein Grund für Tod, Gefängnis, Verfolgung, Spott, Erniedrigung und Rassissmus ist. Ein Land, in dem immer das Bewußtsein herrscht, daß es von Unterschieden geprägt ist und dabei stets eine souveräne und unabhängige Nation bleibt. Und daß es keine Kolonie ist, in der Plünderung, Ungerechtigkeit und Schamlosigkeiten in Überfluß gedeihen. Ein Land, in dem wir alle, Männer wie Frauen, in den entscheidenden Momenten unserer Geschichte über unsere Differenzen hinwegsehen und unsere Gemeinsamkeit obenan stellen, nämlich, MexikanerInnen zu sein.

Heute ist ein solcher historischer Augenblick.

In diesem Kongress haben weder die Landesregierung noch die ZapatistInnen das Sagen. Ebensowenig bestimmt irgendeine politische Partei. Der Kongress besteht aus vielen verschiedenen Personen, aber sie alle haben eine Gemeinsamkeit: sie gehören der Legislative an, und ihnen allen geht es um das nationale Wohl. Als Verschiedene und Gleiche haben Sie nunmehr die Gelegenheit, weit vorauszuschauen und zum jetzigen Zeitpunkt Künftiges zu erahnen.

Unsere Stunde, die Stunde der mexikanischen Indigenas, ist gekommen.

Wir sind hier, um die Anerkennung unseres Andersseins und unseres Mexikanertum zu fordern.

Es ist ein Glück für die indigenen Völker und für das Land, daß eine Gruppe von Abgeordneten wie Sie einen Vorschlag für Verfassungsreformen ausgearbeitet hat, die sowohl die Anerkennung der Indígenas sichern als auch, mittels dieser Anerkennung, die nationale Souveränität wahrt und stärken Es handelt sich um den Gesetzesantrag der COCOPA. Der Name COCOPA bezieht sich dabei auf die Kommission für Versöhnung und Frieden des mexicanischen Kongresses, deren Mitglieder, Abgeordnete und Senatoren, den Vorschlag vorgelegt haben.

Wir sind uns bewusst, dass der Vorschlag der COCOPA mit einiger Kritik begegnet wurde. In den letzten vier Jahren hat es eine Debatte gegeben, wie sie um keinen anderen Gesetzesantrag in der gesamten Geschichte der nationalen Gesetzgebung Mexikos geführt wurde. Und während dieser ganzen Debatte wurden aller Kritikpunkte in allen Einzelheiten widerlegt, theoretisch wie auch praktisch.

Dem Vorschlag wird vorgeworfen, das Land zu balkanisieren. Dabei wird vergessen, dass das Land längst gespalten ist. Es ist gespalten in ein Mexiko, das Reichtum hervorbringt, ein anderes, das sich diesen Reichtum aneignet, und ein weiteres, das seine Hand ausstrecken muss, um Almosen zu erbetteln. In diesem fragmentierten Land sind wir Indígenas dazu verurteilt, uns für unsere Hautfarbe zu schämen, für unsere Sprache, für unsere Kleider und für unsere Musik und unseren Tanz, die von unserer Trauer und unserer Freude sprechen, also von unserer Geschichte.

Dem Vorschlag wird vorgeworfen, Indianerreservate zu schaffen. Dabei wird vergessen, daß wir Indígenas längst marginalisiert leben, getrennt vom Rest der mexicanischen Bevölkerung, und zudem vom Aussterben bedroht sind.

Dem Vorschlag wird vorgeworfen, ein rückständiges Gesetzeswerk zu fördern. Dabei wird vergessen, dass das existierende Gesetzeswerk lediglich Konfrontationen fördert, die Armen bestraft und den Reichen Straflosigkeit zusichert. Es verurteilt unsere Hautfarbe und verwandelt unsere Sprache in ein Verbrechen.

Dem Vorschlag wird vorgeworfen, Ausnahmen im politischen Leben zu schaffen. Dabei wird vergessen, dass im jetzigen System derjenige, der regiert, in Wirklichkeit gar nicht regiert, sondern seinen öffentlichen Posten in eine Quelle persönlicher Bereicherung verwandelt, wobei er sicher sein kann, vor Strafverfolgung gefeit und unantastbar zu sein, so lange seine Amtszeit dauert.

Meine indigenen Brüder und Schwestern, die nach mir das Wort ergreifen, werden darauf und auf vieles mehr noch genauer eingehen.

Ich würde gerne ein wenig auf das zu sprechen kommen, was bei dem Gesetzesvorschlag der COCOPA als Legalisierung von Diskriminierung und Marginalisierung der indigenen Frauen kritisiert wird.

Verehrte Damen und Herren Abgeordnete und Senatoren, ich möchte Ihnen die Lage der indigenen Frauen erklären, die wir heutzutage in unseren Gemeinden leben, wo man davon ausgeht, daß die Verfassung die Achtung vor den Frauen garantiert.

Diese Lage ist sehr schwer zu ertragen. Seit vielen Jahren erleiden wir Schmerz, Vergessen, Verachtung, Marginalisierung und Unterdrückung. Wir leiden unter Vergessen, weil sich niemand an uns Frauen erinnert.

Sie schickten uns in die hintersten Ecken der Berge des Landes, damit niemand kommt, um zu sehen, wie wir dort leben. Unterdessen haben wir kein Trinkwasser, keinen Strom, keine Schulen, keine menschenwürdigen Unterkünfte, Strassen, Krankenstationen und noch viel weniger Krankenhäuser. Unterdessen sterben viele unserer Schwestern, Frauen, Kinder und Alten, an heilbaren Krankheiten, an Unterernährung und bei der Geburt, weil es weder Krankenstationen noch Krankenhäuser gibt, wo sie behandelt werden könnten.

Nur in der Stadt, wo die Reichen leben, stehen Krankenhäuser, wo man gut versorgt wird und alle Dienstleistungen zur Verfügung stehen. Uns indigenen Frauen nützt es überhaupt nichts, dass sie in der Stadt vorhanden sind, denn es gibt keine Möglichkeit, dorthin zu gelangen. Selbst wenn es einmal ein Verkehrsmittel gibt, schaffen wir es nicht bis zur Stadt, sondern sind auf halbem Weg längst gestorben.

Ich rede in erster Linie von den Frauen, denn es sind Frauen, die den Schmerz der Geburt spüren. Es sind Frauen, die die Kinder in ihren Armen an Unterernährung, an mangelnder Pflegemöglichkeit sterben sehen. Es sind Frauen, die ihre Kinder barfuß gehen sehen, ohne Kleidung, weil das Geld nicht reicht, um ihnen welche zu kaufen. Denn es sind Frauen, die sich um den Haushalt kümmern und sehen; was ihnen an essen fehlt.

Frauen wiederum schleppen zwei oder drei Stunden lang Wasserkübel, das Kind im Tragetuch, und erledigen die gesamte Küchenarbeit. Von Kindesbeinen an übernehmen wir einfache Arbeiten. Wenn wir erwachsen sind, gehen wir zur Feldarbeit hinaus, um zu säen, und Unkraut zu jäten, und haben immer die Kinder dabei.

Währenddessen gehen die Männer zur Arbeit auf die Kaffeeplantagen und Zuckerrohrfelder, um ein wenig Geld zum Überleben ihrer Familien zu verdienen. Und manches Mal kehren sie nicht wieder zurück, weil sie an Krankheiten sterben. Oft bleibt keine Zeit, nach Hause zurückzukehren, oder wenn sie schaffen, dann sind sie krank, ohne Geld, oft auch schon tot. So bleibt die Frau bleibt mit noch mehr Schmerz zurück, weil sie von nun an alleine für ihre Kinder sorgen muss.

Wir leiden auch unter Verachtung und Marginalisierung seit dem Augenblick unserer Geburt, weil man nicht gut für uns sorgt. Man denkt nämlich, dass wir als Mädchen nichts wert wären. Wir könnten wieder denken noch arbeiten und könnten unser Leben nicht alleine meistern. Deswegen sind viele von uns Frauen Analphabetinnen, denn wir hatten niemals die Chance eines Schulbesuchs. zur Schule zu gehen.Wen wir ein wenig älter sind, zwingen uns unsere Eltern mit Gewalt zur Heirat. Es spielt keine Rolle wenn wir nicht wollen, nach unserer Zustimmung wird nicht gefragt..

Unsere Entscheidungen werden hintergangen. Wir werden als Frauen geschlagen, von unseren Ehemännern oder Verwandten werden wir misshandelt. Nichts können wir dagegen sagen, denn es heisst, wir hätten kein Recht, uns zu wehren. Die Mestizen und die Reichen verspotten uns indigene Frauen wegen unserer Art, uns zu kleiden und zu sprechen, wegen unserer Sprache, unserer Art zu beten und zu heilen und wegen unserer Hautfarbe, die wie die Erde ist, die wir bearbeiten. Wir sind immer auf dem Erdboden, weil wir dort leben. Aber auch, weil eine Beteiligung an anderen Arbeiten uns auch nicht erlaubt ist. Man sagt uns nach, wir seien schmutzig, weil wir uns als Indígena-Frauen nicht wüschen.

Wir, die indigenen Frauen, haben nicht die gleichen Chancen wie die Männer, die über alles entscheiden dürfen. Nur sie haben das Recht auf Land, und Frauen haben keine Rechte, als ob wir das Land nicht bearbeiten könnten, als ob wir keine menschlichen Wesen seien. Deswegen leiden wir an der Ungleichheit.

Diese ganze Situation ist das Ergebnis der Lehren schlechter Regierungen.

Die Ernährung von uns indigenen Frauen ist denkbar schlecht. Wir haben keine menschenwürdigen Unterkünfte, wir geniessen weder medizinische Versorgung noch Bildung. Für uns gibt es keine sinnvolle Arbeit, daher überleben wir im Elend. Es herrscht Armut, weil wir von der Regierung, die uns nie als Indígenas ernstgenommen hat, aufgegeben wurden und sie sich nie um uns gekümmert, sondern uns links liegen gelassen hat.Die Regierung behauptet, sie schicke uns Hilfe, wie etwa Progresa2, aber sie tun dies mit der Absicht, uns zu spalten und zu zerstören. So sind das Leben und der Tod für uns indigene Frauen eigentlich immer.

Jetzt sagt man uns, das COCOPA-Gesetz würde zu unserer Marginalisierung führen. Aber es ist das bestehende Gesetz, welches zulässt, dass wir marginalisiert und erniedrigt werden. Deshalb haben wir uns entschlossen, uns zu organisieren, um als zapatistische Frauen zu kämpfen. Um die Situation zu verändern, denn wir sind des vielen Leidens müde, ohne Rechte zu haben.

Ich sage Ihnen das alles nicht, damit Sie uns bedauern oder uns vor diesem Mißbrauch zu erretten. Wir haben für Veränderungen gekämpft werden dies weiterhin tun. Aber wir brauchen es die gesetzliche Anerkennung dessen, wofür wir kämpfen, denn bislang ist das nicht der Fall. Anerkannt ist nur der Frauenaspekt, aber auch der nicht vollständig. Aber wir sind nicht nur Frauen, sondern auch Indígenas, und als solche werden wir nicht anerkannt

Wir wissen, welche von den Sitten und Gebräuchen gut und welche schlecht sind. Schlecht ist, Frauen zu schlagen und zu verprügeln, sie zu kaufen und zu verkaufen, sie zur Heirat gegen ihren Willen zu zwingen, ihnen nicht zu erlauben, an Versammlungen teilzunehmen oder das Haus zu verlassen. Deshalb wollen wir, dass das Gesetz für indigene Rechte und Kultur verabschiedet wird. Es ist sehr wichtig für uns, die indigenen Frauen aus ganz Mexiko. Es wird dazu dienen, dass wir als Frauen und Indígenas anerkannt und respektiert werden. Das bedeutet, dass wir wollen, dass unsere Lebesnformen anerkannt werden: unsere Art, uns zu kleiden, zu sprechen, zu regieren, uns zu organisieren, zu beten, zu heilen, unsere Methoden, im Kollektiv zu arbeiten, das Land zu achten und das Leben als Natur zu verstehen, von der wir ein Teil sind. Unsere Rechte als Frauen sind in diesem Gesetz ebenfalls enthalten, so dass niemand jemals wieder unsere Teilnahme, unsere Würde und Integrität in jeder Art von Arbeit, genau wie bei den Männern, verhindern kann.

Deshalb möchten wir alle Abgeordneten und Senatoren bitten, ihre Pflicht zu erfüllen und wahre Vertreter der Menschen in Mexico zu sein. Sie haben einst versprochen, dem Volk zu dienen und Gesetze für das Volk zu machen..Machen Sie Ihre Worte wahr, lösen Sie ein, was Sie den Menschen versprochen haben. Der Augenblick ist gekommen, dem Gesetzesvorschlag der COCOPA zuzustimmen. Diejenigen, die für Sie gestimmt haben, und jene, die es nicht getan haben, aber auch zu diesem Land gehören, dürsten weiterhin nach Frieden und Gerechtigkeit und haben Hunger. Erlauben Sie nicht länger, dass jemand unsere Würde beschämt. Darum bitten wir sie als Frauen, als Arme, als Indígenas und als Zapatistas.

Verehrte Damen und Herren Abgeordnete, Sie waren empfänglich für unseren Aufschrei, der nicht nur von den Zapatisten kommt, nicht nur von den indigenen Völkern, sondern von allen Menschen Mexicos. Nicht nur von den Armen wie wir, sondern auch von Menschen mit komfortablem Einkommen. Ihr offenes Ohr als Abgeordnetemachte es möglich, dass ein Licht die dunkle Nacht erleuchtet, in die wir Indígenas geboren werden, in der wir aufwachsen, leben und sterben. Dieses Licht ist der Dialog. Wir sind sicher, dass Sie Gerechtigkeit nicht mit Almosen verwechseln. Und dass Sie in unserem Anderssein die Gleichheit zu erkennen vermögen, die wir als menschliche Wesen und als Mexikaner mit Ihnen und allen Menschen Mexikos gemeinsam haben. Wir spenden Ihnen Beifall dafür, dass Sie uns anhören, und deshalb wollen wir die Chance nutzen, dass Sie ein offenes Ohr haben, um Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen:

Die Ankündigung der militärischen Räumung von Guadalupe Tepeyac, La Garrucha und Río Euseba und die diesbezüglichen Massnahmen sind bei der EZLN nicht unbemerkt geblieben. Señor Vicente Fox antwortet damit auf eine der Bitten unserer Leute, die wir ihm übermittelten. Er ist oberster Befehlshaber der mexicanischen Armee, und die Armee folgt seinen Befehlen, ob zum Guten oder zum Schlechten.In diesem Fall sind seine Befehle ein Zeichen des Friedens gewesen, und deshalb werdem wir, die Comandantes und Comandantas der EZLN, ebenfalls Friedensbefehle an unsere Streitkräfte aussenden:

Erstens: - Wir ordnen an, dass unser Compañero Subcomandante Insurgente Marcos als militärischer Befehlshaber der regulären und irregulären Streitkräfte der EZLN, alles Nötige veranlasst, um sicherzugehen, dass keine militärische Vorstösse unserer Truppen auf die Positionen erfolgen, die von der mexicanischen Armee geräumt wurden, und dass er seinerseits anordnete, dass unsere Streitkräfte ihre jetzigen Positionen in den Bergen beibehalten.

Wir werden auf ein Zeichen des Friedens nicht mit einem Zeichen des Krieges antworten. Zapatistische Waffen werden nicht die Waffen der Regierung ersetzen. Die zivile Bevölkerung, die an den von der Bundesarmee geräumten Orten lebt, hat unser Wort, dass unsere Militärkräfte nicht eingesetzt, werden um Konflikte oder Meinungsverschiedenheiten zu schlichten. Wir laden die nationale und internationale Zivilgesellschaft ein, an diesen Orten Friedenskamps und zivile Beobachtungsposten einzurichten, um auf diese Weise zu bezeugen, dass es dort keine bewaffnete Präsenz der Zapatisten gibt.

Zweitens: - Wir weisen den Architekten Fernando Yañez Muñoz an, sobald wie möglich mit der Kommission für Versöhnung und Frieden (COCOPA) und dem Friedensabgesandten der Regierung, Senator Luis Héctor Alvarez, Kontakt aufzunehmen und vorzuschlagen, gemeinsam in den südöstlichen Staat Chiapas zu reisen, um sich persönlich davon zu überbezeugen, dass die sieben Positionen frei jeglicher militärischen Präsenz sind und somit eins der drei von der EZLN für die Wiederaufnahme des Dialoges geforderten Signale gegeben wurde.

Drittens. - Wir weisen den Architekten Fernando Yañez Muñoz gleichfalls an, sich bei der Regierung von Vicente Fox als offizieller Vermittler der EZLN gegenüber dem Friedensabgeordneten der Regierung zu akkreditieren und in Koordination mit daran zu arbeiten, dass auch die verbleibenden zwei Signale gegeben werden, damit der Dialog formell wiederaufgenommen werden kann: gemeint ist die Freilassung aller zapatistischen Gefangenen und die verfassungsmässige Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur, so wie es im Gesetzesvorschlag der COCOPA steht.

Die Regierung hat von diesem Augenblick an ein sicheren, vertrauenswürdigen und diskreten Mittelsmann, um mit den Bedingungen voranzuschreiten, die den direkten Dialog zwischen dem Friedensbeauftragten und der EZLN erlauben.. Wir hoffen, dass sie sich seiner im besten Sinne bedient.

Viertens: - Da die Tür zum Dialog und zum Frieden hier geöffnet wurde, ersuchen wir den Kongress respektvoll, in seinen Räumen einen Ort zur Verfügung zu stellen, in dem - sofern der Friedensabgeordnete der Regierung zustimmt - das erste Treffen zwischen der Regierung und dem Vermittler der EZLN stattfinden kann. Falls der Kongress ablehnt, was wir verstehen würden, ist der Architekt Yañez angewiesen, dafür zu sorgen, dass das Treffen an einem angemessenen und neutralen Ort stattfindet, und dass die Öffentlichkeit über die dort geschlossenen Vereinbarungen auf dem laufendengehalten wird.

Sehr geehrte Damen und Herren Abgeordnete, wir machen auf dieser Weise unsere Bereitschaft zum Dialog, zum Abschluss von Vereinbarungen und zum Frieden deutlich. Wenn man den Weg zum Frieden in Chiapas heute mit Optimismus betrachten kann, geschieht dies dank der Mobilisierung vieler Menschen in Mexiko und der ganzen Welt. Insbesondere ihnen allen danken wir .

Der Optimismus wurde ebenfalls möglich aufgrund einer Gruppe von Abgeordneten, Männern und Frauen, die jetzt vor mir sitzen und die legitimen und gerechten Worten Raum, Ohr und Herz zu öffnen wussten. Sie öffneten sich Worten, die Vernunft, Geschichte, Wahrheit und Gerechtigkeit auf ihrer Seite wissen, noch nicht jedoch das Gesetz. Wenn die indigenen Rechte und Kultur gemäss dem Gesetzesvorschlag der COCOPA verfassungsmässig anerkannt sind, beginnt das Gesetz im Gleichklang mit den indigenen Völkern zu ticken.

Die Abgeordneten und Senatoren, die uns heute ihre Türen und ihre Herzen öffnen, werden dann die Befriedigung verspüren, ihre Pflicht erfüllt zu haben. Und dies bemisst sich nicht in Geldbeträgen, sondern in Würde. Dann, an jenem Tag, werden Millionen Männer und Frauen aus Mexico und anderen Ländern wissen, dass all das Leiden an diesen und zukünftigen Tagen nicht umsonst war. Und wenn wir heute Indígenas sind, werden wir dann all die anderen Männer und Frauen sein, die wegen ihres Andersseins getötet, verfolgt und eingesperrt werden.

Verehrte Damen und Herren Abgeordnete und Senatoren, ich bin Indígena-Frau und Zapatista, durch meine Stimme sprachen nicht nur Hunderttausende ZapatistInnen des mexicanischen Südostens. Es sprachen auch Milionen Indígenas aus dem ganzen Land und die Mehrheit der mexicanischen Menschen. Meine Stimme hat niemandem den Respekt versagt, noch bettelte sie um Almosen. Meine Stimme bat um Gerechtigkeit, Freiheit und Demokratie für die indigenen Völker. Meine Stimme forderte und fordert die verfassungsmässige Anerkennung unserer Rechte und unserer Kultur.

Und ich werde meine Worte mit einem Ruf beenden, mit dem alle von Ihnen, diejenigen, die hier sind, und jene, die es nicht sind, einverstanden sein werden:

Gemeinsam mit den indigenen Völkern!
Viva Mexico! Viva Mexico! Viva Mexico!
Demokratie! Freiheit! Gerechtigkeit!

Aus dem San Lázaro Regierungspalast, Kongressgebäude.
Das Klandestine Revolutionäre Indigene Komitee - Generalkommandatur der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung.
Mexiko, 28. März 2001

Ich danke Ihnen vielmals.

Übersetzung: Dana Aldea und Gaby Küppers


1 gemeint ist Vicente Fox, der zu seinem Amtsantritt am 1.12.2000 im Kongress das Protokoll mißachtete 
2 Progresa war ein vor allem auf PR ausgerichtetes Hilfsprogramm der PRI-Regierung.

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