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Zapatisten sprechen vor dem
Kongress
Aufnahme von Gesprächen mit der Regierung steht kurz bevor
Von Gerold Schmidt
(Mexiko-Stadt, 29. März 2001).- In diesen Tagen wird das Wort "historisch" in Mexiko arg strapaziert. Doch der Auftritt der aufständischen Zapatisten aus dem südlichen Bundesstaat Chiapas im Plenarsaal des Abgeordnetenhauses am vergangenen Mittwoch verdient diese Bezeichnung. Er krönt den vor gut einem Monat begonnenen Marsch der Indigenas durch zwölf Bundesstaaten und den anschließenden Aufenthalt in der Hauptstadt. Formal ist es nur eine gemeinsame Sitzung der Kommissionen zu Indigena-Angelegenheiten und Verfassungsfragen, vor der die kollektive Rebellenführung der Zapatistischen Armee der Nationalen Befreiung (EZLN) ihre Position deutlich machen soll. Doch die Anwesenheit von über 200 Abgeordneten, mehreren Gouverneuren, Senatoren und vielen Ehrengästen sowie die Live-Übertragung von landesweit zu empfangenen Fernsehstationen und Radiosendern macht die Bedeutung des Ereignisses klar. Mexikos Präsident Vicente Fox, der nicht eingeladen ist, verfolgt das Geschehen in der Regierungsresidenz über den Abgeordnetenkanal.
Die Sitzung beginnt um 11.08 Uhr direkt mit einem Paukenschlag. Nicht wie von vielen voraus gesagt der weiße Zapatistensprecher Subcomandante Marcos tritt vor das Mikrofon. Es ist die kleine EZLN-Kommandantin Esther, die in stockendem Spanisch, aber mit fester Stimme hinter der schwarzen Maskierung die Anwesenden begrüßt und eine wichtige Ankündigung macht. Die Zapatisten wollen Friedensgespräche mit der Regierung aufnehmen und sich mit dem Beauftragten des Präsidenten in Verbindung setzen. Bereits abends können die Medien einen ersten Kontakt vermelden. Vicente Fox hat dafür in den vorausgegangenen Tagen die Voraussetzung geschaffen, indem er die Freilassung von zapatistischen Häftlingen veranlasste und drei weitere Militärstützpunkte in Chiapas räumen ließ, deren Auflösung die EZLN explizit gefordert hatte.
Kommandantin Esther erteilt all denjenigen eine Absage, die die Indigenas immer nur als von Marcos manipulierte Manövriermasse ansehen: "Er ist genau das, ein SUBcomandante, wir sind die Kommandanten und gehorchen unseren Gemeinden". Marcos betritt den Plenarsaal überhaupt nicht, wieder einmal enttäuscht die EZLN durch ihre unkonventionelle Strategie Erwartungshaltungen. Den Kommandanten David, Tacho und Zebedeo ist es vorbehalten, sich bei den Abgeordneten eindringlich für die Verabschiedung des Gesetzentwurfes über die Rechte und Kultur der Indigenas einzusetzen, den die parteienübergreifende Cocopa-Kommission bereits vor über vier Jahren erarbeitete. "Wir wollen Respekt, so wie wir sind, einen Ort in unserer Geschichte haben", fordert David.
Es folgen in respektvoller Atmosphäre fünf Stunden Wortbeiträge von Abgeordneten und eingeladenen Sprechern. Die Abgeordneten der Regierungspartei der Nationalen Aktion (PAN), die sich bisher fast geschlossen gegen das Cocopa-Gesetz stellt, werden mehrfach aufgefordert, ihre Haltung zu ändern. Die PAN ist die eindeutige Verliererin dieses "historischen" Tages. Nur wenige Abgeordnete sind in die Sitzung gekommen, in den Medien wird das überwiegend kritisiert. Sie, die immer wieder dagegen polemisiert hat, dass Maskierte von der Tribüne des Abgeordnetenhauses sprechen wollen, zeigt nun selber kein Gesicht. Dem heute konzilianten Ton der Zapatisten steht auf einmal ihre Intoleranz gegenüber. Nicht eine Woche ist es her, dass die Stimmen der PAN-Abgeordneten gegen den Willen aller anderen Parteien und gegen den ausdrücklichen Wunsch des aus ihren eigenen Reihen stammenden mexikanischen Präsidenten den Auftritt der Zapatisten fast verhindert hätten.
Vicente Fox dagegen gehört zu den Gewinnern des Tages. Nicht in 15 Minuten wie im Wahlkampf versprochen, aber doch in vier Monaten ist er einer friedlichen Lösung des Konfliktes in Chiapas ein großes Stück näher gekommen. Zwar ist er den Zapatisten immer nur scheibchenweise in ihren Forderungen entgegen gekommen, aber er hat sie letztendlich erfüllt und nicht den Hardlinern in der eigenen Partei, dem Privatsektor und dem konservativsten Teil der katholischen Kirche nachgegeben. Nun bringt ihm die EZLN offenbar ausreichend Vertrauen entgegen, dass es für Gespräche trägt. Fox selbst spricht von einem "festen Schritt" in Richtung Friedensabkommen. Diese seien aber kein Endpunkt, sondern Ausgangspunkt. So sehr sich die Konzepte des konservativen Präsidenten über Entwicklung von denen der Zapatisten unterscheiden, auch in dieser Einschätzung ist er sich mit der EZLN einig. Ein weiteres Mal drückt Fox die Hoffnung auf eine Mehrheit für das Cocopa-Gesetz aus und erwähnt die "enorme Schuld gegenüber 10 Millionen Brüdern und Schwerstern Indigenas". Seine Partei wird es schwer haben, dem öffentlichen Druck in den kommenden Wochen stand zu halten und die Initiative weiter zu blockieren.
Bei aller Skepsis einen Großteil der öffentlichen Meinung wohl endgültig auf ihre Seite gezogen zu haben, das macht die Zapatisten am Mittwoch zum eindeutigen Sieger. Das Auftreten praktisch vor der gesamten Nation, die Authentizität, mit der sie als Indigenas ihre Sache vorbringen, flößt vielen Berichterstattern Respekt ein. Die Entscheidung, Subcomandante Marcos seine Protagonistenrolle nicht im Parlament weiterspielen zu lassen, wird mit Adjektiven wie "weise" und "brilliant" bedacht. Seit ihrem Aufstand am 1. Januar 1994, der nur zehn Tage mit Waffengewalt geführt wurde, ist die EZLN nicht müde geworden, an erster Stelle Würde für sich und die anderen Indigenas im Land einzufordern. Eine Mehrheit der Mexikaner ignorierte lange Zeit zehn Prozent ihrer Landsleute. Das ist jetzt nicht mehr möglich. Wo immer man an diesem Tag hinhört, die Bevölkerung nimmt Stellung zu den Geschehnissen.
Auch Marcos hat am Schluss doch noch seinen Auftritt - vor den Parlamentstüren. Vor tausenden Anhängern, die sich zu einem kleinen Volksfest auf der Avenida Emiliano Zapata versammelt haben, dankt er allen, die die 24-köpfige EZLN-Delegation in den vergangenen Wochen unterstützten. Fast beiläufig erklärt er, dass am Donnerstag die "Rucksäcke gepackt" werden. Die Zapatisten kehren vorerst zurück in ihre Heimatgemeinden in das Hochland und in den Lacandonen-Urwald von Chiapas. Nach dem heutigen Tag ist keine Steigerung in der Außenwirkung mehr möglich, die EZLN zieht die Konsequenz. Ihr Ausflug in die Hauptstadt hat sich gelohnt.
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