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Das ungewöhnliche Interview
Interview mit
Subcomandante Marcos von Julio Scherer
Garcia,
Gründer der mexicanischen Zeitschrift Proceso
aus Proceso, 12.März 2001
Charismatisch? Nein, ich habe nur einen ein Vakuum ausgefüllt Jeder
Militär, mich eingeschlossen, ist ein absurder und irrationaler Mensch Gewalt ist immer nutzlos Fox sollte sich davon überzeugen: regieren istnicht "rating"
Es erscheint als eine ungewöhnliche Tatsache. Das mexikanische Fernsehen, das Medienunternehmen Televisa, welches sich vor Jahren mit
den Bezwingern des Präsidenten Luis Echeverría zusammentat, um den Direktor der Tageszeitung Excélsior Julio Scherer García von seinem
Posten zu vertreiben, mitsamt der ihn begleitenden Gruppe von Journalisten, brachte heute ihre Kameras mit, um das Zeitungsinterview
zwischen dem Begründer des Proceso und dem Subcomandante Marcos zu übertragen.
Das erscheint als ungewöhnliche Tatsache und ist es auch. Aber auch ein Zeichen der Öffnung.
Das hier veröffentlichte und Samstagnacht von Canal 40 ausgestrahlte Interview von Julio Scherer García bringt angesichts der Ereignisse den
gemeinsamen journalistischen Willen zum Ausdruck, beiden Teilen gleichermaßen Wichtigkeit beizumessen. Die Leser und auch die Zuschauer
des Proceso sind mehr als alles andere daran interessiert, unsere Realität besser zu verstehen. Dafür wurden wir geboren. Dafür existieren
wir.
JSG: Was tut man, was sagt man, zu wem betet man, wenn man dort ankommt, wo sie angekommen sind, so verhasst, so verwegen, so bewundert,
so einmalig?
SC: Wir denken, dass da ein Bild von Marcos entstanden ist, das mit der Wirklichkeit nichts zu tun hat, das mit der Welt der
Kommunikationsmedien zu tun hat, die es aufgegeben haben, auf die Leute einzugehen und entschieden haben, sich mit der politischen Klasse
abzustimmen. In dieser Hinsicht kümmern sich die Medien nicht mehr darum, was die Mehrheit der Leute möchte, sondern sie käuen auf die eine
oder andere Weise wieder, da während des Übergangsprozesses der große Wähler zum Kommunikationsmedium geworden ist. Ihre Einflußmöglichkeiten
auf das Treffen von Entscheidungen, ihre Fähigkeit, über den Werdegang des Landes zu entscheiden, einschließlich des Rhytmus der Umgestaltung,
hat den Kommunikationsmedien eine Macht darüber verschafft, die sie nicht überdenken und somit verändern sie alles, was sie berühren...
JSG: Marcos, sie können nicht ignorieren, dass sie charismatisch sind...
SC: Doch, das kann ich, wieso nicht.
JSG: Sie müssen es nicht, weil sie es sind. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie über Dinge reden, die nicht sicher sind. Sie können
nicht umhin, anzuerkennen, dass sie jemand sind, der viele Leute anzieht.
SC: Es ist so, dass es ein Vakuum in der Gesellschaft gibt. Da ist ein Vakuum, das auf die eine oder andere Weise ausgefüllt werden muss. Das
Vakuum, das Fox im Bereich der Politik ausfüllte bedeutet nicht, dass er das ist, das es hätte sein können oder sollen. Das gleiche geschieht
auch mit Marcos.
JSG: Mit wem vergleichen sie sich als Charismatiker? Wer kann sich mit ihnen in der Zapatistenarmee messen?
SC: Innerhalb der Zapatistenarmee?
JSG: Wen von den Leuten, die sie kennen, kann man mit ihnen vergleichen?
SC: Innerhalb niemanden, aber das hat nichts zu tun mit...
JSG: Und von außerhalb?
SC: Von außerhalb? Auch niemanden.
JSG: Oder wäre es doch so, dass sie charismatisch sind?
SC: Nein, es ist so, dass das Bild von Marcos einigen romantischen, idealistischen Erwartungen entspricht. Oder sei es, dass er der weiße
Mann ist, halb Indígena, näher dran an Robin Hood, Juan Charrasqueado, etc., welche das kollektive Unbewusste als Bezugspunkt nimmt.
JSG: Was macht einen Charismatiker aus?
SC: Aus den vermeintlichen literarischen Fähigkeiten oder der angeblichen Fähigkeit zum politischen timing ergeben sich viele
Zweideutigkeiten, obgleich damit besser auf die internen Bedürfnisse geantwortet wird. Und in dem Wirrwarr der politischen Klasse scheint es
so, als ob wir jeden Schritt, den wir machen, abmessen. Glauben sie mir, wir sind mittelmäßiger, als die Leute denken, vor allem nicht so
brillant, wie uns die politische Klasse begreift.
JSG: Das können sie nicht sagen...
SC: Doch, kann ich.
JSG: Ihnen wird man die Mittelmäßigkeit nicht lassen, auch nicht als verbale Formulierung...
SC: Nein, ich streite das, was ich bin, nicht ab; ich versuche, die Umstände zu erklären, mit denen wir zu tun haben. Und auf die eine oder
andere Weise erlischt oder verliert sich der realistische Blick auf das, was die Persönlichkeit wirklich ist. Die Mehrheit unserer Äußerungen ist
sehr streitbar, werden aber nicht präzise diskutiert, weil sie einem sozialen Umfeld entstammen, das andere Dinge mit sich bringt. Die
Standpunkte von Marcos diskutieren, heißt über die Legitimität einer Sache zu diskutieren und das ist immer problematisch, vor allem auf
intellektuellem Niveau. Auf die eine oder andere Weise hat uns das geprägt, weil glauben sie mir, uns tut diese Auseinandersetzung um die
Ideen gut. Wir haben dieser Auseinandersetzung um die Ideen beigewohnt und bedauern, dass wir uns nicht in sie einbringen konnten.
JSG: Ich blicke auf ein gefährlich gespaltenes Land: das eine Extrem sind die lebenden Schatten Juan Rulfos, das andere die mit Macht
wohlgenährten Leiber und das Geld. Mit Nuancen, so man will, scheint es mir, dass heute sie und Präsident Fox diese Welten vertreten. Wenn das
so ist, kann dann zwischen ihnen Einsicht ihren Platz finden, Vertrauen, aus dem heraus das Verständnis geboren wird?
SC: Ja. Wir denken, dass ja. Wir haben die Möglichkeit des Dialoges vor Augen. Diese ganze Mobilisierung hat zum Ziel, diesen Mann -der nichts
zu verlieren hat und doch so viel zu gewinnen- davon zu überzeugen, dass
er sich uns gegenübersetzt, mit der ernsten Absicht, diesen Konflikt zu lösen. Dies ist nicht einfach, weil rings um die Figur von Fox viele
Kräfte im Spiel sind, unter ihnen seine eigene: eine Person, die entschieden hat, sich ein Image rings um das Marketing herum zu
verschaffen, die Resultate schafft, gute Resultate in einer Wahlperiode, die sich aber nicht auf eine Regierungsperiode ausweiten lässt. Also
müssen wir ihn davon überzeugen, dass das Problem nicht das des rating ist, sondern das des Regierens. Das ist das, was wir ihm anbieten: keine
soziale Revolte, sondern die Anerkennung dieses sozialen Sektors (der Indígenas), ihrer Fähigkeiten und ihres Andersseins.
Entgegengesetzte Welten
JSG: Abgesehen davon, dass beide eine Form von Macht ausüben, von
Einfluss -gibt es etwas, worin sie einander ähneln?
SC: Auf jeden Fall darin, dass wir beide schlechte Witze machen... Aber abgesehen davon repräsentieren wir nicht nur zwei diametral
entgegengesetzte Welten, sondern einen ebenfalls diametral entgegengesetzten nächsten Schritt. Wir repräsentieren eine Welt, die
sich in Richtung der Anerkennung der Unterschiede bewegt und er ist dabei, den Weg in Richtung einer Welt zu beschreiten, die
hegemonisiert und homogenisiert, nicht nur das Land, sondern den gesamten Planeten.
Dabei handelt es sich darum, das sich das Konzept der Gleichheit sich auf das Statut des Marktes bezieht: wir sind gleich, sobald wir die
Macht zum Erwerb besitzen. Wir repräsentieren im Gegensatz dazu die Unterscheide: den kulturellen Unterschied, die Unterschiede in der
Beziehung zur Erde, der Beziehung unter den Personen, der Beziehung zur Geschichte, der Beziehung zum anderen. Wir haben eine gegensätzliche
Welt vor Augen, als die, die Fox repräsentiert, und wir gehen noch weiter, weil wir sagen, dass die Welt, die wir vorschlagen, auch Fox mit
einschließt, wobei die Zapatisten in der von ihm vorgeschlagenen Welt keinen Platz haben.
JSG: Inwiefern schließt eure Welt Fox mit ein, als einen Führer der freien Wirtschaft, in dem Maße, wie er will?
SC: Als Lernenden. Wir denken, dass der freie Markt lernen kann, mit uns in Verbindung zu treten. Wir glauben nicht, dass alle Unternehmer Gauner
sind, denn einige haben sich ihren Reichtum mit anständigen und ehrlichen Mitteln erschaffen. Die Tatsache, dass einige der
Persönlichkeiten, die im öffentlichen Leben auftauchen, kriminell belastet sind, bedeutet nicht, dass dies für alle gilt. Wir haben weder
die Rückkehr des primitiven Kommunismus im Sinn, noch eine Gleichheit um jeden Preis, welche letztendlich eine Differenzierung zwischen der
politischen Elite -der Linken oder der Rechten- und der großen verarmten Mehrheit im Verborgenen lässt. Wir fordern, dass jeder soziale Sektor
die Möglichkeit hat, sich zu artikulieren. Wir wollen keine Almosen, sondern die Chance, uns zu konstruieren, innerhalb dieses Landes, als
eine andere Realität. In Tephé betreibt die Bevölkerung ein Tourismusprojekt. Die Gewinne werden kollektiv geteilt und dieses
gemeinschaftliche Unternehmen kann mit Effizienz auf dem Markt konkurrieren, mit jeder der großen Hotelerien, nach dem, was man
berichtet. Also weshalb diese Gruppe nicht anerkennen, ihr die Vorteile und Möglichkeiten des Marktes gewähren, welche sich den großen
Hotelerien bieten? Das ist das, was auf dem Spiel steht, die Möglichkeiten, andere Formen von Verbindungen zu schaffen, auch
innerhalb des Marktes, welche nicht den wilden Kapitalismus repräsentieren, wo die einen die anderen verschlingen. Die Mächtigen
dieses Landes wollen nicht wahrhaben, dass ihre Tage gezählt sind, und dies nicht aufgrund der sozialen Revolution, sondern aufgrund des
Vormarsches der großen Finanzmacht. In Mexiko haben die Garza Sadas, die
Slims, die Zambranos, die Romos und andere ihres Formates keine gesicherte Zukunft, nicht weil das Volk sich erhebt und eine
sozialistische Republik errichtet, sondern weil sich ihr Vermögen schon im Visier des großen Kapitals befindet.
"Also sagen wir: In der Regierung trifft man schon nicht mehr die grundlegenden Entscheidungen. Und: Warum kümmert es uns, ob die
Regierung eine linke, rechte oder eine der Mitte ist? Nehmen wir an, dass sich in Mexiko ein Konzept der Nation wiederherstellen soll, und
wiederherstellen bedeutet nicht zurück in die Vergangenheit, weder zurück zu Juarez, noch, an gesichts des neuen Konservatismus, zum
Liberalismus. Diese Geschichte ist es nicht, die wir retten müssen. Wir müssen die Nation auf anderen Grundlagen wiederaufbauen, und diese
Grundlagen beinhalten auch die Anerkennung von Verschiedenheit."
"Wenn wir zeigen, dass das neue Jahrhundert und das neue Jahrtausend das neue Jahrtausend und neue Jahrhundert der Verschiedenheit sind, bezeugen
wir einen grundlegenden Respekt vor dem, was das 20. Jahrhundert war: der große Kampf der Hegemonien. Der letzte, an den wir uns erinnern,
zwischen dem sozialistischen und dem kapitalistischen Block, hat zwei Weltkriege hervorgebracht. Wenn das nicht eingesehen wird, wird die Welt
als eine Inselgruppe im fortwährenden Kriegszustand enden, nach inner- und außerhalb von den Territorien gerichtet. So wird ein Leben unmöglich
sein."
Das Projekt Panama
"Der Markt kann sich jedoch an diese Realität gewöhnen. Es ist möglich,
dass er sich auf einem Schauplatz der Destabilisierung oder des Bürgerkrieges tummelt und sich die Gewinne in seine Tasche streicht. Den
Leuten erzählen sie davon nichts, im Gegenteil, sie unterbreiten ihnen eine idyllische Welt, in der es keine Grenzen gibt, um zu kaufen oder
verkaufen... Aber die Grenzen werden nicht nur bestehen bleiben, sie werden sich vervielfachen. So wird das mit dem
Puebla-Panama-Projekt ablaufen, welches ein großes Verbrechen sein wird. Die USA wird bis
hierher nach Milpa Alta heranrücken, wo wir uns gerade befinden. Der Rest des Landes, nach unten hin, wird Mittelamerika sein, und OK, dass
sie ihre Guerillas haben werden, ihre diktatorischen Regierungen, ihre Kaziken, wie Yucatan oder Tabasco, die der Logik einer Bananenrepublik
folgen -Chiapas befindet sich in dieser Hinsicht glücklicherweise in einem break. Auf dem Rest des mexikanischen Territoriums, von hier aus
in Richtung Norden, beginnt ein brutaler Prozess der Eliminierung großer sozialer Bereiche zu wirken. Außerdem müssen alle Indígenas auf dieser
Seite verschwinden, weil dieses neoliberale Modell sie nicht akzeptiert, weil sie nicht zählen. Niemand wird in sie investieren."
"Wenn Fox es ernst meint, wird es Resultate geben"
JSG: Marcos, das ist etwas mehr als ein Scherz. Aus dem Blickwinkel
deiner Werte betrachtet denke ich, dass Präsident Fox sagt: Wieviel Zeit brauche ich, um die Materie auszutesten?
SC: Wir sind dabei, ihm zu helfen, so gut es geht. Klar, unser Stil ist kein politischer. Er muss verstehen, dass wir keine rein politische
Kraft sind: wir sind eine bewaffnete Gruppe, die Politik macht und bringen in dieser Hinsicht viele Mängel mit uns, Fehlurteile, einen sehr
engen Horizont, den Weg des Prophetentums und des politischen Realismus beschreitend, etwas sehr schweres für uns. Wir haben die Absicht, diese
Regierung, nicht nur Fox davon zu überzeugen, dass er sich hinsetzen kann, mit der Sicherheit, dass es Resultate geben wird, wenn er Ernst an
den Tag legt. Wir spielen nicht darum, wer sich schneller abnutzt, auch nicht darum, dass sein Regierungsprogramm platzt -das platzen wird,
nicht weil es schlecht ist, sondern einfach weil es nicht existiert. Das, worum wir spielen -das haben wir während dieses ganzen Marsches
gespürt und sehen es in allen Kommunikationsmedien- ist, dass absolute Einigkeit darüber herrscht, dass dies der Moment ist, die historische
Schuld zu begleichen.
"Mexiko ist seit fast 200 Jahren eine unabhängige Nation und in jedem Moment sind die Indígenas als ihr wesentlicher Part in Erscheinung
getreten. Jedoch wurde diese Tatsache zu keinem Zeitpunkt anerkannt. Sie können nicht darauf setzen, uns zum Verschwinden zu bringen, welche
Kampagne, Bombe oder Waffe sie auch benutzen. Die indigene Bewegung widersteht und schützt sich. Die Spanier haben das nicht vermocht, auch
nicht die Franzosen und US-Amerikaner und all die liberalen Regimes, von Juarez bis jetzt. Weshalb also nicht anerkennen, dass die Indígenas hier
sind und dass es notwendig ist, ihnen eine Chance zu geben. Das was wir
wollen, ist eine Chance. Wenn wir scheitern, tja, dann werden wir es akzeptieren, trotzdem wird es uns nicht schlechter gehen als vorher..."
Berufung des Todes, Verlust
JSG: Marcos, ich gehe sowohl mit dem Präsidenten als auch mit ihnen mit.
Der Präsident und sie sprechen vom Frieden. Der Präsident kann sich der Propaganda anpassen und sie sich dem Blick, der zornigen Stimme der
Ausgegrenzten. Ich spüre da Gewalt, Marcos, noch ohne Gestalt, aber sie atmet schon. Sie haben zu Carlos Monsiváis gesagt, dass etwas
explodieren wird, wenn es kein Abkommen gibt. Sie führten die subversiven Gruppen an und sagten, dass es größere und radikalere geben
würde, wenn es nicht zu einem Abkommen käme. Diese Worte haben mich in den schmutzigen Krieg der 70er Jahre zurückversetzt. Bei diesem Thema,
wo bleibt da ihre Intelligenz?
SC: Sehen sie, das was wir denken ist, dass dieser Krieg verloren ist. Der schmutzige Krieg ist verloren. Unsere Präsenz und das Fortdauern der
Prozesse in Lateinamerika bedeuten etwas, das sich niemand eingestehen will: den schmutzigen Krieg haben die von oben verloren, die, die ihn
geführt haben, die letzten Endes mit den bewaffneten Gruppen nicht fertiggeworden sind, da diese immer wieder aufleben. Wenn wir mit dem
Weg des Dialoges scheitern -dabei beziehen wir uns auf die EZLN und auf Fox- wird dies ein sehr deutliches Signal für die radikaleren Bewegungen
sein, was ihre Einstellung zu Dialog und Verhandlung betrifft, denn diese bedeuten für sie, die Flaggen einzuholen, sich zu verkaufen,
Verrat zu üben. Jeder beliebige Kontakt mit dem Feind, der nicht auf dessen Kapitulation abzielt, bedeutet die eigene Kapitulation. Wenn in
diesem Fall ein solches Signal durch die PAN1, durch die Regierung Fox oder durch die EZLN angeordnet wird, kann dies auch in dieser
Möglichkeit gipfeln. Wir sprechen dabei nicht von isolierten, radikalen, einsamen Gruppen, die über keinerlei sozialen Rückhalt verfügen...
JSG: Wie in den 70ern?
SC: Der Zapatismus ist eine soziale Bewegung, die Dialog und Verhandlungen der Option des bewaffneten Kampfes vorzieht und bisher ist
das gescheitert. Im Falle der Rebellions-Bewegungen gewinnt der, der
nicht stirbt, der, der weiterlebt, nicht der, der gewinnt. Und
betrachtet man die Regierungsseite, so kann diese nur gewinnen, indem
sie den Gegner vernichtet. Aber dies wäre ein langwieriger Krieg der Art, dass der Terrorimus in deine Straße kommt, in dein Haus, in deinen
Fernseher, ein bisschen wie 1994 in den ersten Tagen des Krieges, als Terrorakte aufzutauchen begannen, die nichts mit uns zu tun hatten. Mit
anderen Worten sagte sich schon: der Krieg ist nicht nur in Chiapas, er kann hier sein, in einer Straße, in einem Einkaufszentrum, in unserem
Haus. In dieser Form ist das schlimm für die Nation, und ich wage zu sagen, für die ganze Welt. Das, worum es hier geht, ist nicht nur das
Indígena-Gesetz, ist nicht nur der mediale Erfolg oder das rating, hoch oder runter, von Marcos oder das, was er als Symbol verkörpert oder
nicht verkörpert, als Mythos, als sozialer Anführer oder als zukünftiger Führer der Linken. Das, was hier auf dem Spiel steht, worum es hier
geht, ist die Möglichkeit einer Lösung des Konfliktes. In einer Situation, in der wir sagen: helft uns, zu verlieren, werden wir uns
hinsetzen und auflösen. Wenn wir Erfolg mit unserer pazifistischen Bewegung haben, welchen Sinn haben dann die Waffen für die EZLN oder
bewaffnete Gruppen? Aber wir wollen keine Neuauflage der Niederlagen der Vergangenheit."
"Wir wollen diesem Land keinen Kurs vorgeben, keinen weiteren frustrierten Helden im langen Kalender der Niederlagen, den wir haben.
Wir wollen verschwinden, dass die Leute, die dich gerade sehen und dir zuhören oder die deine Zeitschrift lesen werden, erkennen, dass sie
daran beteiligt sein können."
"Wir verlangen nicht, dass sie für uns stimmen, weder einen Scheck, noch eine Parzelle oder sonst irgend etwas: wir verlangen, dass ein
historisches Problem gelöst wird und dass Person X, wer immer das sein mag, anerkennt, dass sie einen Platz hat, dass sie Teil ihrer Geschichte
ist. Wir führen sie nicht zur Linken oder zur radikalen Linken, damit eine Person Heldenlieder singt. Das werden wir nicht tun, weil wir diese
Berufung nicht haben. Die haben wir in irgendeinem Moment des Kontaktes mit den Kommunen verloren, wir haben diese Art Berufung zum Tod
verloren. Das soll aber nicht heißen, dass wir ihn fürchten würden, wir sind nicht dabei, zu spielen. Es ist so, dass wir weder so etwas
anstreben, noch die Bewegung in die Richtung einer Niederlage drängen wollen. Es wird schwer werden, sich beim anderen verständlich zu machen,
weil seine Schemen nur Vergangenheit sind. Ich beschuldige ihn nicht des Nichtverstehens, manchmal verstehen wir uns nicht einmal selbst.
JSG: Du beschuldigst ihn nicht des Nichtverstehens?
SC: Weil wir uns manchmal ebensowenig verstehen. Aber wir sind aufrichtig und wir sind ehrlich und wenige Politiker in Mexiko können
das gleiche sagen.
Die Irrtümer von Marcos
JSG: Welches sind, ihres Gewissens nach, die Irrtümer der Zapatistischen
Armee der Nationalen Befreiung und welche Irrtümer sind ihnen selbst unterlaufen? Nach Ablauf der 20 Jahre bestätigen die, wegen denen sie in
die Berge gegangen sind, dass es keine Verbesserung unter den Indígenas gegeben hat. Sie selbst haben zu Recht geäußert, dass es keine
Verbesserung gegeben hat, aber dass sie jetzt Hoffnung und Würde gewonnen haben. Das ist ein Licht, kein Glanz, dazu fehlt es, frei zu
sein, zu entrinnen, diesen Jahre andauernden Zustand des Elends zu überwinden... Wieviel Energie kann ein Mensch verlieren, Marcos, bis er
sich nicht mehr halten kann, bis er nicht mehr arbeiten kann, bis er sich nicht mehr auf die Lektüre eines Buches konzentrieren kann? Oder
sei es, dass Würde und Hoffnung mir als zwei Grundwerte erscheinen. Ohne sie ist das Leben zu nichts nütze,
aber bei dem furchtbaren Elend tut sich die Würde schwer, die Hoffnung sehr schwer...
SC: Es gibt etwas schlimmeres als das, das ist, die Hoffnungslosigkeit denen weiterzuvererben, die folgen. Du bist dir dessen bewusst, dass du
alle Schwierigkeiten, denen du gegenüberstehst, deinen Kindern weitervererben wirst und du wirst ihnen nicht die Möglichkeit vererben,
sie zu ändern. Es ist dieses Gefühl des Besitzes und des Dazugehörens zum Kollektiv, das uns dazu treibt, weiter vorwärts zugehen. Einer der
Irrtümer der EZLN ist, nicht schneller von den Kommunen gelernt zu haben. Als die autonomen Gemeinden entstehen, ist die EZLN so invoviert
in die Kommunen, dass dies in irgendeiner Art ihre Entscheidungsfindungen beeinflusst. In der Stunde, da die Kommunen
beginnen, sich wie eine Regierung zu organisieren und Entscheidungen zu treffen, ist die EZLN gerade noch dabei, sich daran heranzutasten. Da
wird uns klar, dass die Kommunen schneller gelernt haben als wir, nicht nur, der Macht zum Trotz im Widerstand zu leben, sondern sie bauen sich
eine Alternative auf. Du denkst an das, was wir sind, sie denken an die, die kommen. Sie denken an die Generationen, die kommen, daran, ihnen
nicht die Hoffnungslosigkeit weiterzuvererben. Das was wir haben, wird nicht schlimmer für sie sein, definitiv nicht schlimmer."
Der grundlegende Fehler von Marcos ist die mangelnde Vorsicht -und ich verzeihe ihm, weil ich es bin und wenn ich ihm nicht verzeihe, wer dann
kann ihm verzeihen, nicht wahr? Ich habe diese Personalisierung und den Protagonismus nicht vorhergesehen, die viele Male, wenn nicht in der
Mehrzahl der Fälle, verhindert haben, zu erkennen, was dahinter ist. Die Organisation ängstigt das nicht so sehr, weil wir wissen, was dahinter
ist und wir sehen eine Organisation, die überleben kann, auch ohne Krieg... Nicht viele Leute haben das erkannt, das hat mit dem zu tun,
was Marcos überschattet hat, hat den Blick nach hinten versperrt. Auf die eine oder andere Art ist Marcos auch dafür verantwortlich. Ja, ja es
kann sein, dass seine Portion an Eitelkeit, an Protagonismus oder an Clownerie oder wie man das nennt, dazu beigetragen hat. Aber der Grund
ist vor allem, dass die Leute -das soll heißen, die jungen- keine Aussichten innerhalb des politischen Spektrums haben. Und es ist
logisch, dass sie das fesselt, was handgemacht ist. Andererseits ist es das Geglänze, welches sich im nationalen Leben herausgebildet hat,
besonders in den Kommunikationsmedien, da diese nicht nur darüber entscheiden, welcher Schauspieler zum Politiker gemacht wird, sondern
auch, welchen Platz dieser politische Schauspieler einnehmen wird.
JSG: Oder dass der Politiker sich in einen Komiker verwandelt...
SC: Und umgekehrt, dass der Komiker sich in einen Politiker verwandelt und Präsident wird... das rausschneiden. Ich bin dabei, gut von Fox zu
reden (...) oder rede ich schlecht? Wenn ich jetzt gut rede, kannst du dir vorstellen, wie das ist, wenn ich schlecht rede... Diese Richtung
schlagen Geschäftsleute ein.
Die Nicht-Existenz
JSG: Die Indígenas ertragen seit Jahrhunderten die Ausbeutung, aber ihr
Hunger ist immer der gleiche Hunger der Ausgegrenzten geblieben. Sie haben gesagt, dass ihr Kampf ein nationaler und selbstverständlich ein
chiapaneker ist. Manchmal, Marcos, in den Alpträumen und Träumen, haben sie da die vereinte Klage der Erniedrigten gehört?
SC: Vor allem bei diesem Marsch. Wir haben vorausgesehen, dass dies so sein wird und als sie uns die Kommunen aussenden, grenzen sie ein oder
legen eine Schlinge, wie wir dort sagen, damit sie sich um nur ein Ziel legt. Auf die eine oder andere Art war dieser Schrei nicht nur bei jedem
Schritt dieses Marsches zu hören, sondern auch die Versuchung zu spüren, ihn zum Echo zu machen. Nichts einfacher und unverantwortlicher als das.
Weil es ist einfach, zum Zug zu kommen und zu sagen: Auch ich verlange deinen Kampf, nachher kommen wir wieder." Wir haben dem widerstanden und
den Leuten gesagt: "Wir erkennen die Berechtigung deines Schreies an, aber jetzt gehen wir darüber hinweg". Mehr können wir nicht übergehen.
JSG: Macht Ihnen die Möglichkeit, dass die Ausgegrenzten sich vereinen, Sorgen?
SC: Hoffen wir es. Das macht mir keine Angst, ich wünsche es. Das, was ich nicht wünsche ist, dass falsche Erwartungen von einer Person oder
einer Bewegung aufkommen, welche nicht erst am 1.Januar 1994 geboren wird. Wir haben viele Jahre vorgearbeitet, begleitet von vielen Opfern.
Es ist nicht einfach, den Zusammenhalt zu erhalten, die Homogenität, die Einigkeit, die die Zapatisten bewahren, welche so vielen Aufpralls
widerstanden haben, so vielen Attacken. Und plötzlich sieht es für die Medien so aus, als ob die EZLN am 1. Januar 1994 geboren wird. Das kann
eine Versuchung sein: dass eine Bewegung so anfangen kann, dass der erste Schritt die Legitimität sein wird. Sicher ist das nicht. Weil der
erste Schritt der Legitimität ist die eigene Anerkennung.
JSG: Aber denke an die Erniedrigten, so viele Millionen...
SC: Der Konflikt ist unabänderlich und das geben wir weiter an Fox. Daran gibt es nichts zu deuteln. Das, was in unserer Bewegung auf dem
Spiel steht, während wir uns der Hauptstadt nähern ist, wie sie diesem Konflikt begegnen wird. Aber sie dürfen nicht denken, dass dieser
Konflikt latent weitergeht oder kontrolliert sein wird. Es wird krachen. Was sie jetzt zeigen werden ist, ob sie dem Konflikt auf dem Wege von
Dialog oder Verhandlungen begegnen oder ob sie auf das Mittel der Waffen zurückgreifen, auf das Mittel der Gewalt. Sie werden wählen müssen
zwischen dem politischen und dem bewaffneten Weg, um diesem Konflikt zu begegnen.
JSG: Elend ist viel mehr als ein ausgehungerter Körper. Das ist das Mädchen, das Heberto Castillo einen Stein hat umarmen sehen, seine
Tochter, und das sind die 50 Mädchen aus einem Internat, die sich eine zerlumpte Puppe teilen. Sie, Marcos, wie stellen sie sich Elend vor?
SC: Auch in der Gestalt eines Mädchens. Eines Mädchens, das in meinen Armen gestorben ist, im Alter von weniger als fünf Jahren, an Fieber, in
der Kommune Las Tazas, weil es kein Mittel gab, um sein Fieber zu senken und es ist in meinen Armen dahingegangen. Wir versuchten, das
Fieber mit Wasser herunterzubekommen, mit nassen Wickeln, wir haben es gebadet und alles, sein Vater und ich. Und es ist gestorben. Es brauchte
keinen chirurgischen Eingriff, kein Krankenhaus. Es brauchte eine Tablette, etwas Linderndes... Es ist lächerlich, denn außerdem war
dieses Mädchen nicht einmal geboren, es hatte keine Geburtsurkunde. Was gibt es elenderes, als dass du geboren wirst und stirbst und niemand hat
dich gekannt?
JSG: Was haben sie gefühlt?
SC: Ohnmacht, Wut. Über dir bricht die Welt zusammen, alles, was du vorher gedacht und getan hast ist nutzlos, wenn es diesen ungerechten,
absurden, irrationalen, stupiden Tod nicht verhindern kann...
JSG: Und wenn sich diese schlimmen Gefühle in sehr vielen Teilen wiederholen, ist ein Kampf um Rache möglich, der sich im Hintergrund
abzeichnet, auch wenn er nicht ausgerufen wird?
SC: Das ist die Gefahr. Wenn diese soziale Wut sich nicht organisiert, folgt zwangsläufig die Rache. Und im Falle der Indígenas kann er
fundamentalistisch ausfallen und wenn es da nicht zu einem Dialog kommt, der etwas taugt... Deshalb sagen wir, dass es vorzuziehen ist, dass sich
diese Unzufriedenheit organisiert, dass man sich auf alle Fälle auf das Wissen oder die Weisheit dieser Bewegung besinnt.
JSG: Marcos, wiviele Opfer haben gelebt, ohne zu wissen, was es heißt, zu leben?
SC: Das ist das, was wir verhindern wollen, dass sich das weiterhin wiederholt. Wir wollen nicht, dass weiterhin Leute nicht geboren werden
und nicht sterben. Nicht für dich existieren, nicht für die Öffentlichkeit, nicht für Fox existieren, nicht für sonst jemanden.
Außerhalb ihrer Familien haben sie für niemanden existiert. Jetzt, mit dem Widerstand der indigenen Kommunen, haben wir die Sterberate auf
zwischen 200 bis 300 pro Jahr verringert. Vor 1994 waren es 15'000 pro Jahr, die nie eine Geburtsurkunde besaßen (...)
JSG: Leben ohne zu sein, Marcos...
SC: Und nicht nur das. Wenn du seiend lebst, so in Schande. Du gibst auf, zu sein, damit sie dich in den Gemeindeleitungen und in den
Produktionszentren akzeptieren. Mit dem Gesicht eines Indígenas bist du Ziel von Spott und Betrug. Schon allein die Tatsache, eine braune Haut
zu haben und eine andere Sprache zu sprechen, bedeutete, dass der Preis deines Produktes herunterging.
JSG: Sind sie ein Rebell, der tiefgreifende Veränderungen fordert oder ein Revolutionär, der für radikale Veränderungen kämpft, eine andere
Art, das Vaterland zu gestalten?
SC: Wir sehen in uns mehr als einen Rebellen, der soziale Veränderungen herbeiführen will. Das heißt, die Definition als klassischer
Revolutionär ist für uns nicht mehr gültig, für den Kontext, in dem wir stehen, diese Perspektive gab es in den Indígena-Kommunen nicht. Weil
das kollektive Sujet sich ebenfalls im revolutionären Prozeß befindet und es das ist, welches als Leitfaden dient.
JSG: Wenn sie als Rebell gescheitert wären, würden sie den revolutionären Weg wählen?
SC: Das Ziel ist ein anderes. Der Revolutionär muß zu einem Politiker werden und der soziale Rebell wird nicht aufhören, ein sozialer Rebell
zu sein. In dem Moment, da Marcos oder der Zapatismus sich in ein revolutionäres Projekt verwandeln, d. h. zu einem politischen Akteur
innerhalb der politischen Klasse wird, wird der Zapatismus als Alternative versagen.
JSG: Warum wird ein Revolutionär zu einem Politiker?
SC: Weil ein Revolutionär darauf abzielt, die Dinge grundlegend zu verändern, von oben aus, nicht von unten aus. Der Revolutionär denkt:
Wir gründen eine Bewegung, ich übernehme die Macht, und von oben aus verändere ich die Dinge. Und der soziale Rebell nicht. Der soziale
Rebell organisiert die Massen und wird die Dinge von unten ausgehend verändern, ohne sich die Frage der Machtergreifung stellen zu müssen.
JSG: Denken sie, wenn sie das sagen, an die Mexikanische Revolution?
SC: Ja, ich denke im wesentlichen an Zapata2 und Carranza3. Carranza, der Veränderungen zur Zeit der Machtergreifung ins Auge fasst. Und
Zapata, der die Forderungen im Auge behält und selbst in dem Moment, in dem er sich für ein Photo ablichten lässt, den Stuhl nicht einmal
berührt. Wir identifizieren uns mit dem Zapatismus. Politiker werden gebraucht, leider, vor allem aber soziale Anführer. Ich glaube, der
Zapatismus muss sich entscheiden und er wird sich für den sozialen Anführer entscheiden.
Die TV-Republik
JSG: Womöglich ist das politische Wort gut oder schlecht. Sie tun mir
den Gefallen, das aufzuhellen. Ich glaube, sie sind ein Politiker. Ich hege keinen Zweifel daran, dass sie ein Autor gereimter Prosa sind.
Welcher Poet inspiriert sie, welcher Staatsmann nimmt sie für sich ein, welcher Guerillero gibt ihnen Kraft?
SC: Von hinten nach vorn. Als Militärchef Villa4. Als soziale, bewaffnete Bewegung Zapata. Als sozialen Anführer sehe ich am
derzeitigen Horizont niemanden, der dem Konzept eines Staatsmannes entspricht. Es gibt ihn nicht. Die großen Staatsmänner sind schon
Vorgeschichte. Heute würde ich für niemanden als politischen Anführer die Hand ins Feuer legen, weil ich niemanden sehe, der dem Konzept eines
Staatsmannes gerecht wird, weil ein Staatsmann die Fähigkeit hat, nach vorn zu schauen und ich kenne im gesamten Spektrum keinen politischen
Anführer, der über seine Nasenspitze hinausschaut.
JSG: Apropo Villa, Marcos, bei ihrem Treffen mit Vicente Leñero 1994 haben sie ihre Bewunderung für seine Persönlichkeit ausgedrückt; für den
unerbittlichen Guerillero, guten Soldaten und Regierungsmann von Chihuahua, laut der großartigen Biographie von Friedrich Katz.
Identifizieren sie sich mit dem Zentauren?
SC: Ich wöllte es tun. Er war ein Mann, der eine Vorstellung von einem Korps hatte, ein Mann, der sich um seine Truppen sorgte. Ich meine nicht
nur seine regulären Truppen, sondern auch die von ihm eroberten Gebiete. Er hat sich nicht nur um das Kämpfen gekümmert, sondern auch um das
Organisieren. Leider ist dieser Part der am wenigsten bekannte... Aber bedauerlicherweise ist Villa der aus den Heldenliedern, der mit dem
Pferd Siete Leguas5.
JSG: Angesichts dieser Tugenden -ist die Gewalt so nutzlos?
SC: Die Gewalt wird immer nutzlos sein, aber es wird einem nicht klar, bis er sie anwendet oder sie erleidet.
JSG: Und es ist ihm nicht klar geworden, Marcos?
SC: Ich weiß es nicht. Ich denke, dass uns die gleiche Distanz einander annähert. Es wird immer Leerstellen oder Lücken geben, wenn es darum
geht, eine Person einzuschätzen (...) Ein Militär -mich eingeschlossen- ist definitiv ein absurder und irrationaler Mensch, weil er fähig ist,
auf Gewalt zurückzugreifen, um zu überzeugen. Das ist letzten Endes das, was ein Militär tut, wenn er einen Befehl gibt: Er überzeugt mit der
Macht der Waffen. Deshalb sagen wir, dass die Militärs niemals regieren dürfen und das schließt uns mit ein. Weil wer auf Waffen
zurückgreifen muss, um seine Ideen geltend zu machen, der ist sehr arm an Ideen.
JSG: Ich werde eine geschmackvolle Anmerkung zum Besten geben: Die Waffen überzeugen nicht, sie drängen sich auf.
SC: Ja. Letztendlich ist es so. Deshalb sagen wir, dass die bewaffneten Bewegungen, so sehr revolutionär sie sein mögen, im Grunde genommen eine
Art "Schiedsrichter-Bewegungen" sind. Auf alle Fälle ist das, was eine bewaffnete Bewegung tun muss, das Problem zu überdenken und zur Seite zu
treten. Das ist das, was wir mit Erfolg getan haben, nach sieben Jahren in den Kommunen. Unter den Fehlern, die wir begangen haben, ist, nicht
schneller gelernt zu haben, wie wir uns davon lösen können. Wir sind wirklich zur Seite getreten. Die autonomen Gemeinden sind so autonom,
dass sie uns nicht nicht berücksichtigen.
JSG: Comandante Germán ist nicht beliebt. Er ordnet an, leitet, befiehlt, steigt als erster in den Bus, verlässt ihn vor allen anderen,
nimmt die Dokumente in Empfang, verteilt sie, spricht in Befehlston. Es gibt Verdächtigungen und niemand redet von seiner Humanität. Ich
begreife Germán nicht, er ist so anders als sie und so anders als die Indígenas, in der Funktion des zentralen Sprachrohres dessen, was die
EZLN macht. In den Rängen der Zapatistischen Armee ist er der Comandante und sie der Sub. Germán ist der, der befiehlt, er ist der, der anordnet.
Sie erfüllen, erhalten oder erwarten in irgendeiner Weise die Instruktionen und Befehle...
SC: Nein! Der Architekt Fernando Yáñez, der als Comandante Germán bekannt ist, stellt in in der Stunde, da er zur EZLN stößt, die
Verbindung zum Parlament und den politischen Parteien dar. Dies ist ein Zeichen, das, wie viele andere, die wir gegeben haben, die Regierung
nicht zu lesen verstand. Mit ihm sagt die EZLN: Wir sind bereit, vom Untergrund in das öffentliche Leben überzutreten. Das ist grundlegend.
Der Architekt Yáñez steigt steigt in den Bus ein und aus, weil er mit der Sicherheit beauftragt ist. Die, welche in der Zapatistischen Armee
der Nationalen Befreiung die Befehle geben, sind die Indígena-Chefs. Das ist die Wahrheit. Aber laut der Sicht, die du oder die, die uns gerade
zusehen haben, ist es so, dass ich da bin und hinter mir muss Tacho stehen, mich bewachend. Aber seitens der Kommunen liegen die Dinge
umgekehrt: sie sind die ersten und wir dahinter... Der Architekt Yáñez hat weder den Befehl, noch einen militärischen Rang in der EZLN. Er ist
die Antwort auf einen Aufruf unsererseits, weil wir dieses Signal geben wollen, dass wir geben wollen und das, verflucht nochmal, niemand liest.
Und wenn eine bewaffnete Gruppe sagt: da ist unser Part, seht her, hierzu sind wir bereit und man liest nicht, tja, dann benötigt die
politische Klasse ganz offensichtlich eine große Lektion.
JSG: Ich fühle mich da nicht angesprochen, da dieses Signal nicht explizit war.
SC: Aber es war von anderen begleitet. Das, was sich die mexikanische Regierung fragt ist, bis zu welchem Grad Marcos und die EZLN mit dem
Einsatz der Popularität und dem Verschleiß spielen. Früher waren wir bereit, mit Zedillo den Frieden zu unterzeichnen, der ein Schwachkopf
war, Mittelmaß. Jetzt kann man schon sagen, dass wir dies mit Fox nicht tun werden, der außerdem ein Produkt des legitimen Wahlprozesses
darstellt. Es macht uns keine Angst, den Frieden mit der Rechten zu unterzeichnen, weil unser Problem nicht dieses ist. Das Problem wäre das
gleiche, wenn die gewählte Linke an der Macht wäre. Wir sind dabei zu versuchen, den anderen, in diesem Falle die Bundesregierung, davon zu
überzeugen, dass wir bereit sind, das zu lösen und dies schnell zu tun. Aber wir brauchen eine Reihe von Signalen. Wir geben eins. Sie sehen es
nicht, weil wir die politische Ader noch nicht getroffen haben, aber an Willen hat es uns nicht gefehlt. Wenn wir es nicht geschafft haben, dass
die politische Klasse das Zeichen sieht, so haben wir hier versagt und wir werden nach anderen Zeichen suchen. Aber dieses Land hat, denke ich,
mit vielen Leuten eine offene Rechnung zu begleichen, nicht nur mit Yáñez, sondern mit den vielen, die auf der Strecke geblieben sind mit
all den Untergrundbewegungen, die viel einflussreicher in Sachen Patriotismus, sozialer Kompromiss und Opfer sind als das, was irgendein
Werdegang von Lucio Cabañas oder Genaro Vázquez zu sagen vermag. Das, was wir tun wollten, und es ist offensichtlich, dass es uns nicht
gelungen ist, war, uns mit dem Parlament zu treffen, offen für seine Person und seine Umgangsform (...) Das, was wir ausdrücken wollen ist,
dass wir den Frieden nicht vortäuschen werden.Wir werden uns zum verhandeln niedersetzen und wenn der Wille auf der anderen Seite
vorhanden ist, gehen wir bis zum äußersten. Wenn wir bereit waren, dass sie uns töten, weshalb sollten wir nicht dazu bereit sein, zu
verhandeln? Wir haben keine selbstmörderische Berufung.
JSG: Sie haben ihre Rückkehr nach Chiapas angekündigt, Strategie, letzten Endes. Was werden ihre nächsten Schritte sein? Mit anderen
Worten, was folgt und bis wohin geht es?
SC: Es folgt der Friedensprozess. Wenn wir die Anerkennung der indigenen Rechte und Kultur in der Verfassung erreichen, und ich glaube, dass wir
das tun werden, müssen wir Fox davon überzeugen, dass er sich hinsetzt, dass er Signale gibt und sich entschließt, mit den Kommunen zu arbeiten,
damit dieser Friedensprozess rasch und glatt voran geht. Dann ist eine sehr intensive interne Arbeit notwendig, weil die EZLN noch ein Problem
klären muss, ein unbekanntes, da sie weiß, was sie nicht tun wird, wenn es vorbei ist, aber sie weiß noch nicht, was sie tun wird.
Die Einladung nach Los Pinos... eine Falle
JSG: Fox sagt, dass er sie nach Los Pinos einlädt...
SC: Das ist eine Falle. Letztendlich versucht er, eine ernsthafte, anspruchsvolle Bewegung umzuwandeln in ein Event für die Hauptsendezeit.
Er bemüht sich darum, den Frieden zu gewinnen, die indigenen Völker und die Regierung, gleich als politisches Projekt, das er mit mit diesem
Bild hätte, wenn er es nicht schon hat.
JSG: Würden sie Fox einen Dienst erweisen?
SC: Warum? Ja, ich glaube, dass er vieles gewinnen würde, aber dass...
JSG: Und sie würden verlieren?
SC: Nein, ich nicht, aber die Kommunen ja, weil die ganze Bewegung, die sich erhoben hat, letzten Endes trivialisiert würde. Es wäre ein hohles
Medienereignis, so kurz, so vergänglich, als wäre es das Konzert dieses...
JSG: Würdest Du sagen, mit einer Portion Gemeinheit oder Perversion, Marcos?
SC: Es wäre unehrlich, niederträchtig, schändlich. Überdies verstehe ich
ihn. Er macht seine Arbeit gut, er ist darauf angewiesen, sich diesen Eindruck der Regierbarkeit zu schaffen. Er weiß, dass seine Präsenz
immer stärker werden wird, während die Medien mehr darüber berichten, obschon zum Schlechten.
JSG: Marcos, ich sage ihnen, Fox macht in seinen Augen seine Arbeit gut...
SC: In seinen Augen.
JSG: Und in den ihren?
SC: Nein, weil das, was dieses Land braucht, ist ein Regierungschef, kein Sprecher. Aber er denkt, dass ja, dass seine Funktion die eines
Sprechers ist, weil sie ihm Ansehen bei den Leuten verschafft, weil sie
kennen werden und auf der Straße stehenbleiben.
JSG: Aber wozu?
SC: Das ist ja das, was ich meine... Letzten Endes werden sie ihm sagen: "Wir haben für dich gestimmt oder wir haben nicht für dich gestimmt,
aber gegen die PRI. Wir haben dich nicht dafür eingesetzt." Denn die Wahlkampagne ist eine Sache und ein Regierungsprogramm eine andere. Und
die Verantwortung ist nicht nur die seine, sondern auch die seines Teams. Aber sie ist auch die seine, weil er das Team aufgestellt hat
oder sie haben ihn aufgestellt, ich weiß nicht, wie das dort ist. Aber zähle die, die Politiker sind in diesem Kabinett und dir werden die
Finger einer Hand übrig bleiben. Es sind Unternehmer mit guten oder schlechten Vorsätzen. Es sind nicht einmal Unternehmer, es sind
Geschäftsführer. Oder sei es, dass es Angestellte eines Unternehmers sind. Und mit dieser Logik lässt sich ein Land nicht regieren.
JSG: Wen würden sie im Kabinett belassen?
SC: Sari Bermúdez, als Schriftstellerin. Gut, sie hat das Buch nicht geschrieben... (Sich an die Kameramänner von Televisa wendend) Hier
schneiden. Ich mache Pausen, damit sie das rausschneiden, was sonst Azcárraga zensieren wird.
Die Geschichte von der Karawane
JSG: Marcos, ihnen gefallen doch Geschichten. Warum erzählen sie uns nicht eine?
SC: Erzählt die Regierung keine?
JSG: Nein. Warum erzählen sie uns nicht eine? Warum erzählen sie uns nicht die Geschichte von der Karawane?
SC: Wie die Idee dazu geboren wurde?
JSG: Die Geschichte von der Karawane. Sie schreiben eine Geschichte, damit man über die Karawane weiß. Wie würden sie sie als Geschichte
erzählen? So in der schlichteren, wärmeren Sprache, voller Humor. Klar, Marcos, Humor drückt man im Drama aus. Wie würden sie diese Geschichte
erzählen?
SC: Gut, so denken wir nach. Wir hatten keinen Ausweg mehr. Die einzige Form, uns stark zu machen, war, herauszutreten, war zu gehen. Wir hatten
keinen Fuß. Wir waren behindert, in diesem Sinne. Wir hatten die Stimmeund den Blick, aber wir mussten diese Stimme und diesen Blick erheben,
wo sie gehört wurde und wo dieser Blick eine Richtung hatte. Also mussten wir darum bitten, dass die anderen uns ihre Füße leihen. In der
Stunde, da wir darum bitten mussten, dass diese anderen uns ihre Füße leihen, mussten wir uns selbst welche bauen, da es keine gab. Also
begannen wir, dem anderen davon zu erzählen und dem Gesicht ein Antlitz zu geben, das die anderen verleugneten. Das, welches eine Zahl ist, das,
welches eine Prozentzahl bei einer Untersuchung ist, wenn es das ist, was denen Glück bringt, die Untersuchungen machen. Und wir begannen, ihm
einen Namen zu geben und versuchten, ihm ein Antlitz zu verleihen und es zu bitten, dass es unsere Füße sei. Das heißt der Körper, der wir schon
waren, der Blick, das Gehör, die Lippen, die wir waren, waren sehr klein für ein paar sehr große Füße.
Mit dem Beginn des Marsches, setzt sich eine Art grotesker Puppe in Gang. Auf den ersten Blick ein Riese. Bei gründlicherem Hinsehen eine
unförmige und große Puppe mit ein paar großen Füßen und einem sehr kleinen Körper, dem Rumpf und dem Kopf. Diese groteske Puppe beginnt
vorwärtszustolpern und die Füße zu überzeugen, welche nicht die ihren sind. Das ist in der einen oder anderen Form das, was die Karawane
versucht hat zu machen, bei jedem Moment, da sie stehenblieb. Zu sagen,
dass nicht wir es sind, die dies möglich machen, sondern der Fuß, der uns trägt, der die Leute sind, die uns empfangen. In diesem Moment
taucht das Problem auf, dass die Füße sagen, dass der Kopf es sei, der das Sagen hätte, weil so die Geschichte sei und darin nicht vorkäme,
dass die Füße dem Kopf befehlen. Und der Kopf, der blöde, wer sich von ihm anführen lassen muss, sind die Füße. Es kommt der Moment, da die
Füße und der Kopf das aussprechen, was alle denken und niemand sich zu sagen traut: Dass ihnen auf dem Weg klar wird, dass die Welt der Kopf
ist, dass der hat, der nicht braucht und der, der braucht, hat nichts. An diesem Tag, dem morgigen 11.6, kommen sie an jenem Ort an, an dem
sich das für die eine und für die andere Seite umkehren lassen kann. Und in der Stunde, in der sich die Welt erneut umkehrt, entdecken die Füße,
dass in Wirklichkeit sie der Kopf waren. Und der Kopf entdeckt, dass er nie aufgehört hat, ein barfüßiger Fuß zu sein, zudem braun. Wie schlecht
habe ich mich da aus der Affäre gezogen!
JSG: Ich habe einen Skrupel und eine Sorge: dass sie das wichtigste, was sie mir erzählen sollten, noch nicht erzählt haben, weil ich die
passende Frage noch nicht gestellt habe.
SC: Nein, ich war erschreckend, weil ich nicht wusste, was sie mich fragen wollen...
JSG: Eine Sache, die sehr wichtig ist und die ich nicht das Glück hatte, sie zu fragen, Marcos...
SC: Ich glaube, die Frage, die man sich in der politischen Klasse stellt ist: Meint Marcos es ehrlich, wenn er sagt, dass er bereit ist zu Dialog
und Frieden? Und die Antwort ist ja. Das einzige, was wir haben, um das zu unterstreichen, ist unser Wort. Tatsächlich, wenn sie etwas anderes
verlangen, haben wir nichts anderes zu geben. Aber wir haben die Geschichte, die bezeugt, was dieses Wort bedeutet hat. Wir können nicht
von den drei Bedingungen7 abgehen, weil wir gegen das Wort verstoßen, wenn wir das tun. Das heißt, dass wir die Möglichkeit hätten, unsere
Forderung anzuheben. Die Garantie, die Regierung hat, dass wir unsere Forderungen nicht anheben, bedeutet auch, dass wir sie ebensowenig
zurückschrauben werden. Wenn wir etwas sagen, dann ist es so. Das ist das, was ich wöllte, dass sie es verstehen; ich weiß nicht, wie es
anstellen, weil sie die Signale, die ich gegeben habe, nicht verstehen. Vielleicht, wenn sie nicht schlafen können und dein Programm sehen, mir
zuhören, vielleicht ist es wie Kaugummi und bleibt kleben, und sie glauben mir. Doch wir sind wirklich aufrichtig. Und wenn sie es nicht
glauben, wird das, was wir mit all den Leuten dieser Bewegung versuchen werden sein, sie zu zwingen, zu glauben. Wir haben diesen Kompromiss.
JSG: Vielen Dank.
SC: Ebenfalls... Eine geschäftliche Bekanntmachung: Wir haben nämlich kein Geld mehr und mit dem Bus ist es am 16. vorbei.
Übersetzung: Patricia Mellmann (Vielen herzlichen Dank an Patricia, für die grosse Mühe, die sie mit
der Übersetzung dieses aussergewöhnlichen Interviews auf sich genommen hat).
1 PAN:
2 Emiliano Zapata: aus Bundesstaat Morelos stammender Anführer der Mexikanischen Revolution, geb. 18, 1920 auf Veranlassung Carranzas
ermordet.
3 Carranza: zunächst Revolutionsführer an der Seite Zapatas, ab 19 mexikanischer Präsident, 19 ermordet
4 Francisco (oder Pancho) Villa: Mexikanischer Revolutionsgeneral aus dem Norden Mexikos, kämpfte
an der Seite Zapatas, geb. 18, ermordet 19 in Hidalgo de Parral
(Chihuahua)
5 Siete Leguas: Sieben Meilen
6 11. März: Zapatisten-Karawane trifft in Mexiko-Stadt ein, Abschlußkundgebung auf
dem Zocalo
7 Drei Bedingungen für die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen EZLN, Vertretern des Nationalen Indígena Kongresses und
Regierung: Inkraftsetzung des in San Andrés ausgehandelten Abkommens zur Anerkennung der Rechte und Kultur der Indígena-Völker, Freilassung der
übrigen zapatistischen Gefangenen, Räumung der sieben von insgesamt 259 Militärstützpunkten.
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