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Fernseh-Interview mit Danielle Mitterrand, dem Schriftsteller
Manuel Vásquez Montealbán und dem Literatur-Nobelpreisträger José Saramago
Übersetzung aus La Jornada
"Marcos darf Fox nicht glauben, er hat keinerlei Grund, Fox zu
glauben, weil Fox ihm keinerlei Grund dazu gegeben hat", erklärt José Saramago. In einer Debatte in Canal 40, an der Danielle
Mitterrand, der katalanische Schriftsteller Manuel Vázquez Montealbán und der Nobelpreisträger teilnehmen, bezieht sich
dieser auf die Antwort der Regierung des Präsidenten Vicente Fox auf die
EZLN: "Fox ist seit 100 Tagen Präsident der Republik und bis jetzt sind
die drei Punkte, die die Zapatisten als Bedingung für den Dialog fordern, nicht erfüllt. Der Präsidentschaftskandidat Fox hat die
Initiative der Cocopa akzeptiert und während der Wahlkampagne allen gesagt: Ich werde das machen!
Und nun, da er Präsident ist, baut er Hindernisse auf. Also hat Marcos keinerlei Grund, Fox Glauben zu schenken, weil einmal
mehr das, was zählt, Fakten sind, und nicht Worte."
Während der Fernseh-Gesprächsrunde, bei der eine Moderatorin auf der internationalen Einmischung in die
Karawane und die "romatisierende" Haltung im Zusammenhang mit dem Zapatismus bestand, erklärte der portugiesische
Schriftsteller, dass er Vicente Fox nicht glaube. "Nein, nein, nein, das habe ich nicht gesagt und die einzige
Zeitung, die das Gespräch vollständig wiedergegeben hat, war La Jornada. Ich sagte, dass ich "dies und dies und dies" sagen
hören habe, dies sind die Worte des Herrn Fox, es ist nicht an mir, zu glauben oder nicht zu glauben und es ist überraschend, ja
unlogisch, dass ein Politiker der Rechten so etwas macht. Jetzt sind das wichtige die Fakten, wenn diese die Worte
bestätigen, sehr gut, aber es bleibt abzuwarten, ob sie sich bestätigen oder nicht. Nichts ist glaubwürdig an einem Politiker,
ich glaube nie, denn Politik ist die Kunst, nicht die Wahrheit zu sagen. Also stellen Sie sich vor, ich wäre in die Falle gegangen,
zu sagen, dass ich an einen Politiker glaube!"
- Wie sehen Sie heutzutage das, was um den Zapatismus herum geschieht?
Danielle Mitterrand: Ich habe große Ausgelassenheit und großes Verantwortungsgefühl vorgefunden. Ich habe Vertrauen in sie
gesetzt, dass sie ein Kapitel in der Geschichte schreiben werden, dass die Bewegung auf das antwortet, was das Volk erwartet.
- Ich würde Sie als Europäer gern zu der Faszination befragen,
die der Zapatismus hervorruft beharrt die Reporterin.
José Saramago: Es herrscht praktisch ein totaler Mangel an Information über die Zapatisten, über das, was sich hier abspielt.
In Spanien wird vorsätzlich fehlinformiert. Das, was dem Leser vorgesetzt wurde, waren nicht mehr, als angeblich folklorische
Aspekte, nicht mehr, als dass sie es nicht geschafft haben, verständlich zu sein.
- Hat der Zapatismus ein Europa, in dem politische Ideen momentan nicht sonderlich pulsieren, ein wenig zum Träumen
verleitet?
Manuel Vázquez Montealbán: Gut, zuallererst, glaube ich, sollte
der Zapatismus die Mexikaner interessieren, da er die Stimme von ungefähr 10 oder 12 Millionen Mexikanern zum Leben
erweckt, zu einem Zeitpunkt, in dem man zu einem Sprung ökonomischer Charakters ansetzte und es ökonomische
Mächte gab, die die Entwicklungsfähigkeit dieser Minderheiten unterschätzten, gemeinsam mit einem anderen Element, dem
hohen Grad der Armut. Diese sind heutzutage schwierig vereinbar mit einer Lösung von so drastischem neoliberalen
Charakter, dass er aufgehört hat, sich auszuprobieren. Ja, in Europa erregt das die Aufmerksamkeit ich glaube, es
gibt eine Medien-Blockade des Zapatismus, im ersten Moment herrscht Neugierde. Was ist passiert? Dass sie sich einer Stadt
bemächtigt haben, San Cristóbal de las Casas? Aber bald kommt es zur Blockade des Zapatismus durch einen Großteil
der europäischen Medien, was der kritischen Lektüre des Neoliberalismus gleichkommt, der kritischen Lektüre des
Neokapitalismus, die das Ziel verfolgen, in Europa und weltweit kapitalistische Blöcke aufzubauen. Das bedeutet, dass Marcos
ein ideologisches Attentat auf sie verkörperte, auf das, was sie darstellen. Wenn einigen wie uns dieser Ansatz gefällt, dann, weil
er neu ist, nicht weil er die einziggültige revolutionäre Idee verkörpert.
- Was interessiert Sie an diesem Ansatz, über Mexiko hinausgehend?
Manuel Vázquez Montealbán: Dass es eine Gruppe ist, die nicht auf die Macht abzielt.
José Saramago: Eine Gruppe, die nicht auf die Macht abzielt, aber dennoch darum kämpft, dass die Macht eine andere wird,
das ist das paradoxe daran.
Manuel Vázquez Montealbán: Auch wird die Zivilgesellschaft als
neues kritisches Subjekt miteinbezogen. Sie ist diejenige, die nach Erklärungen verlangen muß, damit die Politik Erfüllung
findet, die demokratische Politik. Drittens: Dass sie um einen Platz als Mexikaner bitten. Sie sind keine
Separatistenbewegung, sondern bitten darum, als Mexikaner akzeptiert zu werden. Außerdem bietet sie, von Europa aus
betrachtet, eine interessante Lektüre: Sie ist eine globalisierte Gruppe, die sich gegen die die Dialektik der letzten Epochen
verkörpernde Globalisierung auflehnt. Das bedeutet Kampf zwischen Globalisierenden und Globalisierten, es kommt den
Ereignissen der Vergangenheit gleich, zwischen Sklavenhaltern und Sklaven oder Proletatiat und Bourgeoisie.
- Was meinen Sie zur Präsenz europäischer Intellektueller, die
hierher kommen und denen vorgeworfen wird, eine romantisierende Vision zu vertreten?
beharrt die Leiterin des Wochenprogrammes.
Danielle Mitterrand: Für uns ist der Zapatismus Ausdrucks eines Volkswillens, eines solidarischen und weltweiten. Er hat es durch
Marcos auch vermocht, dem Streben nach einer anderen Lebensart Ausdruck zu verleihen, die nicht weiter durch das
System verdorben wird, welches die Macht in der Welt verwaltet. Über Jahre wurden wir Nichtregierungsorganisationen
durch die Verpflichtung manipuliert, uns dem Einheitsdenken zu unterwerfen und indem wir dazu verpflichtet waren, diesen
Bevölkerungsgruppen zu helfen. In den NGOs haben wir den Gedanken aufgegeben, dass man uns um mehr als um Beistand
gebeten hat. 1981 startete ein französischer Präsident vom Placa de las Tres Culturas in Mexiko-Stadt aus einen Appell zugunsten
der Indígena-Minderheit, die leben will, und zwar frei leben und heute erlöffnete Marcos seine Rede mit "Hier sind wir".
Dieser Präsident war François Mitterrand. Über 20 Jahre wurde vorgearbeitet, was ermöglichte, dass sie heute hierher kommen
können und sagen "Hier sind wir", auf dass die neue Etappe Erfüllung finde.
- Auf Basis dieser romantischen Version, dem Zapatismus gegenüber völlig unkritisch, als gäbe es nichts kritisierbares?
José Saramago: Ich bin hier gewesen, ich bin in Chiapas gewesen, in den Kommunen, ich habe viel von dem gelesen, was
geschrieben wurde, die Dokumente der EZLN, man kann nicht zu mir sagen, ich hätte eine romantische Vision. Ja, man könnte
sich dazu hinreißen lassen und sagen, dass wir im Grunde alle eine romantische Vision davon haben. Das hieße, dass wir alle in
die Irre geleitet wären. Die 50 000 Personen von heute...
- Sicher wird die Menge der hier versammelten Personen Anlaß geben zu einer morgigen Debatte... unterbricht ihn die Frau.
José Saramago: Lassen wir das alles mal beiseite. Sie sagen, wir
hätten eine romantische Vision und wir haben sie nicht. Natürlich gibt es Kritikpunkte! Gleichermaßen könnte ich sagen, daß die
Frage der Ökonomie eine romantische Vision sei, die Fakten sind da und man muß sich ihnen stellen. Und es ist sicher,
zumindest scheint es mir so, daß sich in Mexiko etwas geändert hat.
- Es herrscht das Gefühl, daß die Präsenz von Ausländern bei
dem Marsch eine Einmischung darstellt die Fragen weichen nicht von ihrer Linie ab.
Manuel Vázquez Montealbán: Mich überrascht es, wie man darauf reagiert, daß der Machtapparat in Mexiko all das auflöst,
was zum Nationaleigentum gehört und es der Obhut der großen Internationalen überläßt. Aber dann ein Geschrei um die Leute
aus dem Ausland, die eine zapatistische Karawane überwachen, und im Gegensatz dazu läßt man es zu, dass der internationale
Kapitalismus sich die Produktionsmittel des Landes aneignet. In dieser Hinsicht höre ich ständig, dass von Patriotismus die Rede
ist. Außerdem, bezüglich des Idealismus, den Sie ins Spiel gebracht haben: es scheint mir, als stelle die neoliberale
Ideologie die große zeitgenössische Ideologie dar. Man spricht viel von der Befreiungs-Theologie, aber die Idealistin ist die
neoliberale Ideologie, weil die Wahrheit ist, daß sich diese Ideologie niemals umsetzen lassen wird. Über 200 Jahre lang
haben sie über den Liberalismus ihr Glück versucht und es nicht erlangt, weshalb es genügt, sie einer ideologischen Seite
zuzuordnen, die nur unter einem strikt religiösen Kriterium untersucht werden muß.
Danielle Mitterrand: Diese Kritik bezüglich des Idealismus ist mit
noch nie zu Ohren gekommen und ich bin von Mexikanern dazu eingeladen worden, hierher zu kommen.
Dt. Übersetzung: Patricia Mellmann
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