ila

Ein Wiener in Buenos Aires

Zum 90. Geburtstag von Alfredo Bauer

Als ich 1990 zum ersten Mal in Argentinien und Uruguay war, wollte ich dort auch Menschen treffen, die vor dem Nationalsozialismus nach Südamerika geflohen waren. Ich hatte durch meine Arbeit in der ila Flüchtlinge aus Argentinien, Chile und Uruguay kennen gelernt, die in die damalige Bundesrepublik gekommen waren, und von ihnen einiges über ihre Erfahrungen im deutschen Exil gehört. Es interessierte mich deshalb sehr, was Menschen erlebt hatten, die einige Jahrzehnte vorher die umgekehrte Fluchtroute genommen hatten.

Ich hatte eine Liste mit Namen von EmigrantInnen, über die oder von denen ich etwas gelesen hatte, und hoffte, einige davon ausfindig machen zu können. In Buenos Aires zeigte ich die Liste einer argentinischen Bekannten und fragte, ob sie einen der Namen kenne. „Ja“, sagte sie, „den hier“ und zeigte auf den Alfredo Bauers. „Der ist Kommunist und Arzt. Eine meiner Freundinnen ist in der KP und er ist ihr Gynäkologe. Ich werde sie nach seiner Telefonnummer fragen.“

Am nächsten Tag rief ich die erhaltene Nummer an und stellte mich als periodista alemán vor. Alfredo Bauer wechselte daraufhin sofort die Sprache, sprach fortan wienerisch. Als ich sagte, ich würde ihn gerne für die ila, eine linke Zeitschrift aus der bundesdeutschen Lateinamerikasolidarität, interviewen, lud er mich ein, ihn zu besuchen, am besten zum Essen zu kommen. So kam ich in Buenos Aires zu einem authentisch österreichischen Mittagessen und da war es natürlich klar, dass das Dessert Mehlspeise hieß, auch wenn es aus Früchten bestand.

Schon beim Essen schlug Alfredo vor, uns zu duzen, da wir Genossen seien, auch wenn wir – das hatten wir schon festgestellt – zu ganz unterschiedlichen Strömungen der Linken gehörten.

Seit unserem Kennenlernen in Buenos Aires stehen wir in Kontakt. Wir haben zahlreiche Briefe, später E-Mails, ausgetauscht und uns noch mehrfach getroffen, sowohl in Argentinien als auch in Europa. Oft, eigentlich fast immer, haben wir kontrovers diskutiert, aber immer waren die Kontakte und Begegnungen herzlich.
Alfredo Bauer wurde am 14. November 1924 als Kind einer bürgerlich-jüdischen Familie in Wien geboren. Als deutsche Truppen 1938 Österreich besetzten, flohen die Bauers nach Argentinien, wo bereits eine Tante lebte und ihnen die Einreise ermöglichte. Alfredo besuchte in Buenos Aires die von AntifaschistInnen gegründete Pestalozzi-Schule. Später studierte er Medizin.

Neben seiner Familie sollten drei Dinge sein Leben bestimmen: seine Arbeit als Mediziner, wozu auch seine in Argentinien pionierhafte publizistische Tätigkeit im Bereich der Sexualkunde zählt, seine politische Tätigkeit und die Literatur.

Seit 1946 gehört er der Kommunistischen Partei Argentiniens an. Die sozialistische Utopie, die die Überwindung aller Klassen- und ethnischen Schranken verspricht, wurde für ihn, den nichtreligiösen Juden, der aus Österreich vertrieben und in Argentinien heimisch wurde, zur geistigen Heimat, zu der er unerschütterlich steht. Widersprüche und Niederlagen sieht er als vorübergehende Phänomene, die den Weg zum Sozialismus vielleicht verlangsamen, aber nicht aufhalten können. Daran glaubt er und das gibt ihm Kraft, bis heute aktiv zu sein, so etwa im Vorwärts, einem Verein, der 1882 von deutschen Arbeitern, die wegen der Sozialistenverfolgungen Bismarcks nach Argentinien geflohen waren, in Buenos Aires gegründet wurde. Oder mit einem engagierten Radioprogramm, mit dem er und einige seiner GenossInnen jede Woche auf Sendung gehen.

Seine andere große Leidenschaft ist das Schreiben. Neben den erwähnten sexualkundlichen und Aufklärungsschriften, politisch-historischen Sachbüchern und einem Reiseführer hat er immer Literatur geschrieben: Romane, Erzählungen, Theaterstücke, ein Opernlibretto. Seine frühen Texte entstanden noch auf Deutsch, dann wechselte er ins Spanische und heute schreibt er je nach Thema in der einen oder anderen Sprache. Seine literarische Produktivität ist enorm, die Zahl seiner Veröffentlichungen in Argentinien, der DDR und Österreich ist kaum noch überschaubar, es dürften weit mehr als 30 Titel sein. Viele seiner Romane und Erzählungen haben historische Themen. Meist nimmt ein allwissender Erzähler den Leser und die Leserin an der Hand und führt sie durch Handlung und historische Epochen. Seine Literatur ist stets engagiert und aufklärerisch. Selbst bei den bedrückendsten Themen gibt es Momente der Hoffnung und Protagonisten und vor allem Protagonistinnen, die diese verkörpern. 

Einige seiner Erzählungen erschienen in den 90er-Jahren in der ila, dazu schrieb er für uns zahlreiche Artikel, zuletzt über das jüdische Leben in Buenos Aires und über die Geschichte des Vorwärts. (ein Lebenswege-Interview mit Alfredo Bauer ist in der ila 154 erschienen)

Am 14. November feiert Alfredo Bauer in Buenos Aires seinen 90. Geburtstag und der Autor dieses Artikels sowie die gesamte ila-Redaktion gratulieren ihm ganz herzlich und wünschen ihm weiterhin alles Gute!

Zu Alfredo Bauers 90. Geburtstag erscheint in Wien sein jüngstes Werk „Der Sanfte Rebell. Biblische Szenen“. Darin erzählt er fünf biblische Erzählungen neu und schenkt dabei der Rolle der Frau besondere Aufmerksamkeit. (Verlag der Theodor Kramer Gesellschaft, Wien 2014, 96 Seiten, 12 Euro)